Ist Demut eine moralische Verpflichtung?

Innerhalb des letzten Jahres, seit dem Start von „Sport ohne Grenzen“, hat sich in meinem Leben einiges geändert. So richtig deutlich wurde mir das, als ich in den Osterferien allein mit fünf Afrikanern auf dem Fußballplatz stand. Mit der Sprache war es zwar nicht so einfach, weil drei von ihnen neben ihren afrikanischen Sprachen eigentlich nur Arabisch sprachen, aber beim Sport geht es eben auch ohne viele Worte. Ähnlich erleuchtend fand ich einen anderen Termin, an dem auch wieder die drei arabisch sprechenden Fußballer teilnahmen. Diesmal war aber ein Asylbewerber dabei, der als einer der ersten ein Teil unserer Fußballmannschaft geworden war und als Iraker ins Arabische übersetzen konnte. In diesem Moment war ich ganz einfach von der Tatsache fasziniert, dass sich uns und mir ein Teil der Welt und Menschheit erschlossen hat, der bisher als sehr weit weg und unnahbar erschien.

Sicher, Englisch, Französisch und vielleicht noch Spanisch konnte immer schon jemand in unserem Verein sprechen. Erst jetzt ist es aber selbstverständlich geworden, dass ich Menschen kenne, die ins Arabische, Russische, Ukrainische, Persische, Türkische und Kurdische sowie in diverse afrikanische Sprachen übersetzen können. Doch nicht nur deswegen sind die Asylbewerber für unseren Verein meiner Meinung nach ein großer Gewinn. Ich kann nicht für andere sprechen, aber zumindest in mir ist das kleine Fünkchen Rassismus, das allgemein hin als Vorbehalte oder Vorurteile bekannt ist, erloschen – wenn es denn überhaupt irgendwann glimmte.

Selbstverständlich war es dann schließlich auch – und ich gestehe, dass es das vielleicht nicht immer gewesen wäre –, dass ich mit meiner Frau eine ihrer ugandischen Bekannten ins Schwimmbad begleitete. Ihr vier Jahre alter Sohn ging mit mir in die Umkleidekabine und die Dusche. Es war einfach nur süß, wie er ehrfürchtig alles nachmachte, was er bei mir sah. Nicht so süß war es, dass ich bemerkte, dass es keine Selbstverständlichkeit in Deutschland ist, dunkelhäutig zu sein.

Falls ihr die Zeit habt, empfehle ich euch, dieses Video (auf Englisch) anzuschauen, da es veranschaulicht, wie subtil und weit verbreitet Rassismus ist – und wie man genau das sichtbar macht. 

 

Ein viel größeres Thema ist die Diskriminierung solcher Menschen natürlich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Gern verweist die regierende weiße Kaste dann darauf, dass dunkelhäutige Menschen doch gleichberechtigt wären. Eine Aussage, die oft auf Ignoranz fußt, denn tatsächlich verstehen die Wenigsten von uns, was es bedeutet, auf Grund von körperlichen Merkmalen schräg angesehen zu werden. Merkwürdig und gleichzeitig erhellend war es daher für mich zu erfahren, wie sich die Wahrnehmung von mir als Person in den Augen anderer Menschen ändert, wenn ich in einem Schwimmbad ein dunkelhäutiges Kind auf dem Arm trage.

Ich gehe sogar davon aus, dass er es nicht böse gemeint hat, aber trotzdem war ich von der Aussage eines alten Deutschen in der Dusche befremdet, als er zu meinem kleinen Begleiter sagte: „Du siehst ja aus wie Schoko – Anders als dein Papa!“ „Ich bin nicht der Papa!“, beeilte ich mich klarzustellen (Warum eigentlich?). Als ich im Nachhinein darüber nachdachte, missfiel mir dieses Verhalten immer mehr. Warum muss man dem kleinen Jungen denn einreden, dass er anders ist und ihm suggerieren, dass er nicht der Norm entspricht?

Ich kann mir kaum vorstellen, wie frustrierend das Leben von deutschen Eltern sein muss, die ein dunkelhäutiges Kind adoptiert haben; oder von Dunkelhäutigen, die Deutsche sind. „Wo kommen Sie her?“ „Aus Deutschland!“ „Das meine ich nicht. Wo wurden Sie geboren?“ „In Osnabrück!“ „Ja, gut, aber wo kommen denn ihre Eltern her?“ „Aus Namibia.“ „Sehen Sie, das habe ich gemeint.“ (So oder so ähnlich zu hören auf deutschen Straßen…) Aha. Als ob ein dunkelhäutiger Mensch nicht selbst wüsste, dass seine Vorfahren vor kürzerer Zeit aus Afrika nach Europa gekommen sind als die des weißen Mannes (die irgendwann auch aus Afrika kamen). Was wir Deutsche dabei gerne vergessen ist, dass man seine Hautfarbe nicht in wenigen Generationen verliert – und dass sie rein gar nichts darüber aussagt, welcher Nation man angehört. Tatsächlich ist genau diese Ignoranz aber ein deutliches Zeichen von Rassismus, den wir gerne von uns weisen. Gut möglich, dass der Name von SPD-Spitzenkandidat Muchtar Al Ghusain bei der letzten Bürgermeisterwahl in Würzburg ausschlaggebend dafür war, dass der Kandidat der CDU gewählt wurde.

Xenophobie ist den Deutschen nicht eigen, sondern findet sich überall auf der Welt, aber ein so reiches und aufgeklärtes Land wie das unsrige hat am ehesten die Kapazitäten, um ihr entgegenzutreten, weil sich die meisten Bürger nicht mit elementaren Existenzängsten rumplagen müssen (nicht zu verwechseln mit Konsummangelängsten). Man kann den Umgang der Europäischen Union mit Flüchtlingen geißeln, aber mehr noch sehe ich Deutschland in der Pflicht. Nicht einmal, weil es jahrhundertelang Schauplatz blutiger und zerstörerischer Kriege und damit die Wurzel unermesslichen Leids war, sondern weil mich der unaufrichtige Umgang mit dem Konzept von Hilfe anwidert. Millionen von Deutschen migrierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Tausende kamen aus der DDR vor dem Mauerbau und nach deren Öffnung. Wir sollten selbst wissen, welche Verzweiflung und Angst hinter der Flucht stehen. Immer wieder bekam Deutschland Hilfe durch die internationale Gemeinschaft, um wieder dort hinzukommen, wo es heute steht. Jetzt, wo wir wieder oben sind, sagen wir aber, dass alles uns gehören soll und wir nicht teilen wollen – weil wir uns das verdient hätten?

Unbedingt anschauen: Unser Urteil ist eine Frage der Perspektive – und wird von unserer Kurzsichtigkeit und Arroganz bestimmt.

Falls ihr das nächste Mal durch einen Zaun oder eine Mauer von Flüchtlingen getrennt seid, fragt euch, warum sie auf der einen Seite stehen und ihr auf der anderen. Wenn ihr nicht gerade daran glaubt, dass es höhere Mächte waren, die euch in Zentraleuropa zur Welt kamen ließen, dann müsst ihr zugeben, dass Glück der entscheidende Faktor ist. In der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit ist die Definition des Duden für Demut. Für mich steckt in dem Wort, dass ich Vorteile, die mir per Zufall entstanden sind, nicht als selbstverständlich hinnehmen und stattdessen an die Menschen denken sollte, die weniger Glück im Leben hatten. Hilfsbedürftigen Menschen zu helfen ist keine Option; es ist eine moralische Verpflichtung.

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Fremder, komm rein – Du bist willkommen!

In Deutschland wird oft von einer gescheiterten Integrationspolitik gesprochen, aber selten wird die Frage nach dem Beitrag der einzelnen Bundesbürger gestellt. Nicht am Rande der Gesellschaft werden Ausländer effektiv integriert, sondern in unsere Mitte müssen sie. Die meisten von ihnen würden uns eher nützen als schaden – wenn man ihnen denn die Chance dazu gibt.

Als ich vor mittlerweile zehn Jahren zwei Semester lang im ländlichen Pennsylvania in den Vereinigten Staaten von Amerika am College studierte, lernte ich sehr viel über die USA, Deutschland – und mich selbst. Ganz besonders erinnere ich mich an die vielen Unterschiede, obwohl die Bundesrepublik und das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ im Vergleich zu anderen Regionen der Erde doch sehr ähnlich sind. Offen waren die – das muss man ihnen lassen – meist freundlichen Amerikaner schon, aber andererseits auch unheimlich ignorant. Es fiel mir schwer, Freunde aus dem Inland zu finden, und weil es vielen anderen Ausländern ähnlich ging, verbrachten wir die meiste Zeit miteinander. Uns schlug kein Hass oder Ablehnung entgegen, aber andererseits gaben sich die amerikanischen College-Studenten auch nicht besonders viel Mühe damit, auf uns zuzugehen. Sicher, man hätte von uns als Gast erwarten können, dass die Initiative von uns ausgehen müsste – aber wir waren es doch, die sich in einem fremden Land, in einer fremden Kultur, mit einer fremden Sprache und einem fremden Volk zurechtfinden mussten. Der Punkt ist: Man greift zu kurz, wenn man sagt, die „Gäste“ hätten doch alle Chancen, weil man ihnen nicht feindlich gegenüber steht. Integration oder Verständnis braucht mehr – es braucht das beiderseitige Bemühen, sich näherzukommen.

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Deutschland (links) hatte in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gerade gegen Ecuador (rechts) gewonnen. Die Amerikaner (Mitte) sind beim Fußball eh nur Statisten…

Amerika war mir nicht so fremd wie China oder Somalia; und trotzdem war es nicht einfach, sich sofort anzupassen. Mehr noch, ich empfand es als nicht richtig, mich bedingungslos anzupassen. Kann denn ein Zusammenleben nur funktionieren, wenn man seine eigene Identität aufgibt? Stellen wir uns nun aber einmal vor, ich wäre nach China gegangen, ohne jemals die Sprache gelernt zu haben; stellen wir uns vor, ich hätte dort nicht studiert, sondern wäre auf der Suche nach Hilfe gewesen, da mir in Deutschland eine Gefahr für Leib und Leben drohte; stellen wir uns vor, ich wäre in eine Gesellschaft gekommen, die sich mir gegenüber – freundlich ausgedrückt – distanziert verhielt; stellen wir uns vor, ich wäre auf Grund meiner Vergangenheit traumatisiert und würde dennoch keine psychologische Hilfe bekommen. Wenn meine Integration dort scheiterte, wäre es allein mein Fehler?

Vielleicht könnt ihr euch denken, worauf ich hinaus will. Es ist in Deutschland wieder in Mode gekommen, gegen Ausländer zu hetzen. Besonders irritierend finde ich dabei, dass der aufrichtige Bürger immer wieder das Wort „Willkommenskultur“ betont, welche angeblich von den Ausländern ausgenutzt wird. Was genau ist denn unsere Willkommenskultur? Dass wir Asylverfahren jahrelang nicht bearbeiten und dass wir hilfesuchende Menschen in Massenunterkünften einpferchen? In Deutschland wird oft darüber gesprochen, dass die Integrationspolitik gescheitert ist, aber viel zu selten wird danach gefragt, was der einzelne Bürger getan hat, um das zu verhindern. Wer von den xenophoben Schreihälsen hat einem Zuwanderer die Hand gereicht um ihm zu zeigen, wie es in unserem Land läuft? Wer von ihnen hat den Ausländern das Gefühl gegeben, dass sie willkommen sind? Wer hat etwas dafür getan, dass die Zuwanderer nicht isoliert in unseren Großstädten zusammengesteckt werden, sondern gleichmäßig auf die wohlhabenden Gebiete verteilt werden, also dort, wo man am meisten Kapazitäten dafür hätte, etwas Fremdes einzugliedern? Es ist wie immer: Der Deutsche meckert gerne, möchte selbst aber nichts tun, um dem Missstand entgegenzuwirken, sondern einfach nur Sündenböcke finden. Auffällig ist dabei auch, dass immer die die meiste Vorurteile gegen Ausländer hegen, die den seltensten Kontakt mit ihnen haben.

Schließlich hatte ich auch ein paar amerikanische Freunde gewonnen. Es war kein Zufall gewesen, dass diese selbst im Ausland und daher weltoffener und verständnisvoller gewesen waren. Wenn also jedem, der nicht blind durch die Welt läuft, klar ist, dass der direkte Kontakt der effektivste Weg hin zu einer erfolgreichen Integration ist, warum intensivieren wir nicht solche Bemühungen? Es war genau diese Überlegung gewesen, die mich vor etwas mehr als einem Jahr dazu drängte, nicht weiter nur zuzusehen, sondern etwas zu tun, denn wer behauptet, dass er alleine nichts ändern kann, der ist einfach zu feige, die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen.

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Viele nette Ausländer: Eigentlich jeder, der ein Zeit lang im Ausland lebt, findet dort Freunde. Warum aber gehen wir mit Ausländern, die zu uns kommen, nicht genauso offen um und unterscheiden per se zwischen guten und schlechten Zuwanderern?

 

Als ich also das erste Mal meine Lebensgefährtin in die Gemeinschaftsunterkunft in Veitshöchheim im Herbst 2013 begleitete, unterhielt ich mich während des gemeinsamen Essens mit ein paar Asylbewerbern. Als Mitglied eines Sportvereins kam mir die Idee, dass man sich vielleicht auf diesem Wege einbringen könnte. Wie erwartet hatten die Flüchtlinge sehr wenige Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Warum sollten sie also nicht zu uns, zu den Freien Turnern Würzburg kommen? Die Idee war geboren, schnell fanden sich in unserem Verein Unterstützer. Ein Umstand, auf den ich durchaus stolz bin, denn ich glaube nicht, dass ein solches Projekt bei jedem Sportverein – gerade im biederen Bayern – möglich wäre. Klar war, dass die Asylbewerber kein Geld hatten. Nachdem wir den Lokalen Aktionsplan Würzburg als Förderer gewinnen konnten, stand unserem Projekt aber nichts mehr im Wege. Offiziell startete „Sport ohne Grenzen“ dann im April 2014.

Das Ziel: Asylbewerber sollen die Chance bekommen, vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied in den sieben Abteilungen unseres Sportvereins (Fußball, American Football, Lacrosse, Tischtennis, Taekwondo, Muay Thai, Gymnastik) werden zu können, ohne zusätzliche Kosten. Dank der eingeworbenen Fördermittel können wir die Kosten für den Nahverkehr, die Mitgliedsbeiträge und die Sportausrüstung erstatten. Davon profitieren beide Seiten: Die Asylbewerber, weil sie wie ein Mensch behandelt werden und die bisherigen Mitglieder, weil sie durch den direkten Kontakt Vorbehalte abbauen und sich selbst ein objektiveres Bild machen können.

Die ersten Wochen verliefen noch recht zäh. Wir versuchten, im Heimcafe, also vor Ort in der Gemeinschaftsunterkunft in Veitshöchheim, ober über Bekannte, die mit Asylbewerbern arbeiten, unser Projekt bekannt zu machen. Beim ersten Mal holte ich Interessenten direkt aus Veitshöchheim ab und brachte sie zum Training, um die erste Hemmschwelle – allein mit dem Nahverkehr zu einem fremden Verein zu finden – zu beseitigen. Oft wartete ich dabei vergeblich, denn trotz Verabredung tauchte niemand auf. Es dauerte aber nicht lange, bis sich die ersten zuverlässigen neuen Mitglieder fanden, die seitdem regelmäßig zu uns kommen. Jetzt, knapp ein Jahr nach dem Beginn des Projekts, gehören zehn Asylbewerber zum Verein, die – und das ist mir besonders wichtig – nicht nur mittrainieren dürfen, sondern auch an den Wettkämpfen teilnehmen.

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Der deutsche Spitzensport lebt von Ausländern. Warum sollten sie auf der Amateurebene etwas Außergewöhnliches sein?

Bekannt machte uns der Fall des Senegalesen Madiama Diop, der beim American Football heimisch wurde. Da er zum Stamm der Mannschaft gehörte dachten wir, es wäre nur eine Formalie, eine Ausnahmegenehmigung von der Residenzpflicht für ihn zu bekommen, damit er an einem Auswärtsspiel in Bamberg teilnehmen könnte. Wie sich herausstellten sollte, war diese Einschätzung zu naiv gewesen. Trotz lauten Protests unsererseits bekam er die Genehmigung nicht – und musste zu Hause bleiben. Daraufhin wurden die Footballer aktiv und suchten den Weg in die Öffentlichkeit, um gegen diesen Irrsinn Sturm zu laufen. Mit Erfolg, denn in ganz Deutschland war Madiama in Zeitungsartikeln, Radio- und Fernsehsendungen ein Thema. Selbst die Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Claudia Roth, besuchte uns im Oktober 2014, um unser Projekt kennenzulernen und sagte uns ihre Unterstützung zu. Schließlich – und daran wird auch dieser Fall beteiligt gewesen sein – beschloss die große Koalition die Abschaffung der Residenzpflicht für ganz Deutschland. Doch schon zuvor hatte der öffentliche Druck dazu geführt, dass die zuständige Behörde bei der Regierung von Mittelfranken dem nächsten Ausnahmeantrag stattgab und Madiama am Aufstiegsfinale außerhalb Unterfrankens teilnehmen konnte. Seine Mannschaft gewann und stieg in die Bayernliga auf.

Die meisten Asylbewerber finden sich indes in der Fußballabteilung. Sieben sind es mittlerweile, wodurch es manchmal durchaus Probleme im Trainingsbetrieb geben kann. Die Sprachprobleme sind offensichtlich und in einer Vereinsmannschaft haben die meisten von ihnen auch noch nicht gespielt. Es braucht also viel Geduld und Verständnis, aber man spürt, wie es mit der Zeit besser wird. Der Sport – und davon bin nicht nur ich überzeugt – ist eben einer der einfachsten Wege, einen ungezwungenen Zugang zur Integration zu finden.

Am Ende sind wir mit unserem Projekt noch lange nicht. Zum einen würden wir gerne noch mehr Asylbewerber als neue Mitglieder gewinnen (vor allem in den anderen Abteilungen neben dem Fußball), zum anderen würde ich gerne mehr erreichen als nur sportliche Teilhabe. Es wäre schön, über die eigene Homepage sportohnegrenzen.org ein Netzwerk aufzubauen, bei dem Angebote und Interessen von Asylbewerbern und Unterstützern gebündelt werden, um beispielsweise bei der Jobsuche oder bei der Vermittlung von Sprach-Tandems behilflich zu sein. Desweiteren unternehmen wir mit unseren Mitgliedern ohnehin auch schon viel neben dem Sport. Im Mittelpunkt standen sie z.B., als sie bei einer Veranstaltung der Katholischen Hochschulgruppe Würzburg im November 2014 mit etwa 150 Gästen die Rolle der Köche übernahmen und dafür sehr viel Dank und Lob erhielten.

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Na, wer kann in diesem Bild den Deutschen erkennen?

Warum macht man sich also die Mühe, Zeit und Arbeit in die Hilfe für andere Menschen zu stecken? Ich denke, auf alle ehrenamtlichen Betätigungen trifft das Gleiche zu: Wahre Erfüllung findet man oft in den Dingen, die nicht in erster Linie die eigenen Interessen bedienen. Genau betrachtet ist das aber nicht der Fall, denn der aufrichtige Dank eines Menschen, dem man geholfen hat, gibt uns mehr, als man mit Geld bezahlen kann. Man hilft also nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Viele der Asylbewerber sind wunderbare Menschen und mir hätte nichts Besseres passieren können, als sie kennenzulernen. Außerdem – und das kommt bei den meisten Mecker-Deutschen zu kurz – nehme ich das, was ich habe, nicht als selbstverständlich hin, sondern bin mir demütig bewusst darüber, im Leben sehr viel Glück gehabt zu haben. Ich betrachte es daher als meine moralische Pflicht, Menschen, die in Not zu uns kommen, nicht abzuweisen. Nicht die Ausländer sind alleine daran schuld, wenn es mit der Integration nicht klappt. Man kann sich nicht darüber beschweren, dass sie nicht an unserer Gesellschaft teilhaben, wenn man ihnen den Zugang dazu so schwer macht.

Es gibt vieles, was in Deutschland falsch läuft, und vieles in Vergangenheit und Gegenwart, für das ich mich schäme. Eines der großen Übel unseres Volkes ist meiner Meinung nach das nicht-gönnen-können. Wir können es nicht ertragen, wenn jemand anderes etwas bekommt, was er unserer Meinung nach nicht verdient hat. Wir verhalten uns alles andere als selbstlos, sind vom Neid zerfressen und treten die so oft beschworenen christlichen Werte mit Füßen. Asylbewerber bekommen bei uns sehr wenig, aber selbst das ist in den Augen der ewig-Verbitterten noch zu viel. Ich bin froh, dass den PEGIDA-Demonstrationen in der Regel größere Gegendemonstrationen gegenüberstehen, aber ich sehe auch die Gefahr, dass die Übergriffe gegen Ausländer weiter zunehmen werden. Um in den Spiegel schauen zu können, sollten wir alle irgendwann einmal Rückgrat beweisen, denn wer dem Schlechten nicht entgegenwirkt, der macht es erst möglich. Meine Freunde heißen nicht mehr nur Thomas, Nils oder Michael, sondern jetzt auch Ahmed, Salam und Yousuf. Sie sind gute, bescheidene Menschen, die einen Zugang zu unserer Gesellschaft gefunden haben, weil wir ihnen die Chance dazu gaben. Was ist hingegen der Beitrag eines gegen Ausländer agitierenden Demonstranten zur Integration? Wir sind multikulturell und können von Ausländern profitieren, wenn wir sie nicht ausgrenzen. Umso eher wir das akzeptieren und wertschätzen, umso eher können wir euch eine funktionierende Integrationspolitik auf die Beine stellen. „Sport ohne Grenzen“ ist nur ein kleiner Anfang, aber es verdeutlicht, was man mit einfachen Mitteln erreichen kann.

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Neue Kulturen, neue Freunde. Ich bin froh, diese Erfahrungen mit diesen Menschen machen zu können.