Zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Fingerspitzengefühl

Man hat ja manchmal so seinen Ärger mit den Sportverbänden. Als wir beispielsweise vor gut einem Jahr beim Bayerischen Fußballverband (BFV) anfragten, ob man uns bei unserem Integrationsprojekt finanziell unter die Arme greifen könnte, stießen wir auf taube Ohren. Nun, wo das Thema in aller Munde ist und öffentlichkeitswirksam gehandelt werden soll, bekamen wir als einer von vielen Vereinen, die Flüchtlinge aufnehmen, 500 Euro von der Egidius-Braun-Stiftung (ehemaliger Präsident des Deutschen Fußball Bunds DFB) zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen nun fünf paar Fußballschuhe, die der BFV „unseren“ Asylbewerbern spendet.

18.10.15 BFV Spende

Natürlich möchte ich nicht undankbar erscheinen, aber es bleibt eben ein „Geschmäckle“, wenn man dann hilft, wenn die ganze Welt hinsieht, andererseits aber Fingerspitzengefühl vermissen lässt, wenn es um bürokratische Hürden geht. So kann man hier beispielsweise nachlesen, warum ein minderjähriger somalischer Flüchtling nicht für den FC Würzburger Kickers in der Jugend spielen darf, obwohl er sich dort wohl fühlt:

Fides – Er will doch nur spielen!

Hinzu kommen die nervigen Passanträge für Ausländer, bei denen man etwa zwei Monate auf die Genehmigung warten muss, denn bei ausländischen Spielern wird immer der Heimatverband angeschrieben, ob bereits ein Spielerpass vorliegt. Doppeltes Spielrecht wäre nämlich nicht erlaubt. Ob bei den derzeitigen Flüchtlingen in Damaskus, Kabul oder Bagdad irgendjemand die Post des DFB ernst nimmt – wenn sie denn überhaupt ankommt – darf bezweifelt werden. Davon abgesehen: Warum spielt es im Amateurbereich überhaupt eine Rolle, ob ein Spieler beispielsweise in Syrien und in Deutschland spielberechtigt ist? Würde er sich zwischen den Partien etwa hin- und herfliegen lassen?

Auf ein weiteres Hindernis sind wir nun mit einem 18-jährigen Ghanaer, ebenfalls Flüchtling, gestoßen. Um die A-Jugend-Mannschaften in Bayern zu stärken, wurden die Einsatzmöglichkeiten der Jugendlichen im Herrenbereich beschränkt. An sich nachvollziehbar. Bei fehlendem Fingerspitzengefühl führt das aber dazu, dass ein 18-jähriger Flüchtling, der sich bei uns wohlfühlt, dreimal in der Woche beim Training ist und sich die Spiele ansieht, nicht für uns spielen darf. Denn: Wir haben keine A-Jugend – und in dem Fall darf kein Spieler für uns auflaufen, der vom Alter her für eine A-Jugend spielen könnte. Eine Bitte um eine Ausnahmegenehmigung mit dem Verweis auf die besonderen Umstände wurde vom BFV abgelehnt. Bleibt zu hoffen, dass auch solche Details und überflüssigen Hürden irgendwann im öffentlichen Diskurs ankommen – und die Verbände ihre Fahne dann wieder in den Wind hängen.

Hat ein Asylbewerber eine Steuernummer?

von Steffen Jakel

Klar, so eine Selbstständigkeit wirft eine Menge Fragen auf. Mit vielen hatten wir gerechnet – mit anderem eher nicht. Wie zum Beispiel: Darf ein Asylbewerber eigentlich arbeiten? Besitzt er eine Steuer-ID-Nummer? Und wie bucht man ein namensgebundenes Busticket für jemanden, der bisher nur einen Pass mit arabischen Schriftzeichen besitzt?

Seit Salam Teil unseres Teams wurde, wächst diese Liste fast täglich. Dabei ist „Team“ für uns nicht nur ein leeres Wort. In unserem eigenen Laden steckt viel zu viel Herzblut, um hier einfach nur Arbeit gegen Geld zu tauschen.

Als Stephan, den wir beide gut aus dem Vereinsleben bei den Freien Turnern kennen, uns seinerzeit eine potentielle Verstärkung beschrieb, war „Asylbewerber“ für uns das unwichtigste Wort dieser Beschreibung. „Zuverlässig“, „küchenaffin“ und vor allem „ein super Kerl“, das war es, was für uns zählte – und Salam ist dem vom ersten Tag an bei uns gerecht geworden.

Nun ist unser irakischer Bro seit fast einem halben Jahr bei uns und es ist längst Alltag geworden, vor dem  Zwiebeln schneiden noch schnell ein Busticket zu buchen, einen Arzttermin zu vereinbaren oder beim Finanzamt nachzufragen, wie das denn jetzt mit dieser Steuernummer aussieht. Das klappt meist problemlos, auch weil die Mitarbeiter auf Ämtern und in Behörden häufig freundlicher und hilfsbereiter sind, als es ihr Ruf erahnen ließe.

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Und doch –  Du kannst es nicht ausblenden. Plötzlich ist es da, dieses vermeintlich so unwichtige Wort, dieser Stempel, den ein Mensch aufgedrückt bekommt: „Asylbewerber“.

Im schlechten, traurig-machenden Sinne etwa: Wenn dieser Mensch seit mehr als vier Jahren auf die Entscheidung wartet, ob er bleiben darf oder ob er gehen muss. Oder wenn während der Arbeit das Handy klingelt, weil sich eine aufgeregte Mutter Sorgen macht – eine Mutter, die er seit eben diesen vier Jahren nicht mehr gesehen hat.

Aber auch im schönen, im positiven Sinne, wenn dieser Mensch, der eine 5.000 km lange Flucht hinter sich hat, dich zum Lachen bringt und Alltagsprobleme wie den umgekippten Saucentopf ganz klein erscheinen lässt. Wenn Du mit Ihm morgens am Herd über Fußball fachsimpelst oder er dir erzählt, dass er sich gerne einen Mix aus Bundesadler und irakischer Flagge tätowieren lassen möchte.

Wir haben uns entschieden: „Asylbewerber“, dieses Wort, dieser Stempel ist für uns ohne Bedeutung. Unser Bro Salam ist Teil unseres Teams – und er bleibt es. Und eine Steuernummer hat er übrigens auch 😉

Er will doch nur spielen

Neue Regularien der Fifa sollen den Kinderhandel im Weltfußball eindämmen. Sie führen aber auch dazu, dass ein 16-jähriger Somalier beim FC Würzburger Kickers nicht für seine neue Mannschaft auflaufen darf.

Veröffentlicht in der Main-Post am 12. Mai 2015.

Aktuelle Informationen zum Fall finden sich unter http://fussball-ist-die-eine-sprache.de/

Den ganzen Artikel gibt es hier: Fides – Fußball ist die eine Sprache

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Ist Demut eine moralische Verpflichtung?

Innerhalb des letzten Jahres, seit dem Start von „Sport ohne Grenzen“, hat sich in meinem Leben einiges geändert. So richtig deutlich wurde mir das, als ich in den Osterferien allein mit fünf Afrikanern auf dem Fußballplatz stand. Mit der Sprache war es zwar nicht so einfach, weil drei von ihnen neben ihren afrikanischen Sprachen eigentlich nur Arabisch sprachen, aber beim Sport geht es eben auch ohne viele Worte. Ähnlich erleuchtend fand ich einen anderen Termin, an dem auch wieder die drei arabisch sprechenden Fußballer teilnahmen. Diesmal war aber ein Asylbewerber dabei, der als einer der ersten ein Teil unserer Fußballmannschaft geworden war und als Iraker ins Arabische übersetzen konnte. In diesem Moment war ich ganz einfach von der Tatsache fasziniert, dass sich uns und mir ein Teil der Welt und Menschheit erschlossen hat, der bisher als sehr weit weg und unnahbar erschien.

Sicher, Englisch, Französisch und vielleicht noch Spanisch konnte immer schon jemand in unserem Verein sprechen. Erst jetzt ist es aber selbstverständlich geworden, dass ich Menschen kenne, die ins Arabische, Russische, Ukrainische, Persische, Türkische und Kurdische sowie in diverse afrikanische Sprachen übersetzen können. Doch nicht nur deswegen sind die Asylbewerber für unseren Verein meiner Meinung nach ein großer Gewinn. Ich kann nicht für andere sprechen, aber zumindest in mir ist das kleine Fünkchen Rassismus, das allgemein hin als Vorbehalte oder Vorurteile bekannt ist, erloschen – wenn es denn überhaupt irgendwann glimmte.

Selbstverständlich war es dann schließlich auch – und ich gestehe, dass es das vielleicht nicht immer gewesen wäre –, dass ich mit meiner Frau eine ihrer ugandischen Bekannten ins Schwimmbad begleitete. Ihr vier Jahre alter Sohn ging mit mir in die Umkleidekabine und die Dusche. Es war einfach nur süß, wie er ehrfürchtig alles nachmachte, was er bei mir sah. Nicht so süß war es, dass ich bemerkte, dass es keine Selbstverständlichkeit in Deutschland ist, dunkelhäutig zu sein.

Falls ihr die Zeit habt, empfehle ich euch, dieses Video (auf Englisch) anzuschauen, da es veranschaulicht, wie subtil und weit verbreitet Rassismus ist – und wie man genau das sichtbar macht. 

 

Ein viel größeres Thema ist die Diskriminierung solcher Menschen natürlich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Gern verweist die regierende weiße Kaste dann darauf, dass dunkelhäutige Menschen doch gleichberechtigt wären. Eine Aussage, die oft auf Ignoranz fußt, denn tatsächlich verstehen die Wenigsten von uns, was es bedeutet, auf Grund von körperlichen Merkmalen schräg angesehen zu werden. Merkwürdig und gleichzeitig erhellend war es daher für mich zu erfahren, wie sich die Wahrnehmung von mir als Person in den Augen anderer Menschen ändert, wenn ich in einem Schwimmbad ein dunkelhäutiges Kind auf dem Arm trage.

Ich gehe sogar davon aus, dass er es nicht böse gemeint hat, aber trotzdem war ich von der Aussage eines alten Deutschen in der Dusche befremdet, als er zu meinem kleinen Begleiter sagte: „Du siehst ja aus wie Schoko – Anders als dein Papa!“ „Ich bin nicht der Papa!“, beeilte ich mich klarzustellen (Warum eigentlich?). Als ich im Nachhinein darüber nachdachte, missfiel mir dieses Verhalten immer mehr. Warum muss man dem kleinen Jungen denn einreden, dass er anders ist und ihm suggerieren, dass er nicht der Norm entspricht?

Ich kann mir kaum vorstellen, wie frustrierend das Leben von deutschen Eltern sein muss, die ein dunkelhäutiges Kind adoptiert haben; oder von Dunkelhäutigen, die Deutsche sind. „Wo kommen Sie her?“ „Aus Deutschland!“ „Das meine ich nicht. Wo wurden Sie geboren?“ „In Osnabrück!“ „Ja, gut, aber wo kommen denn ihre Eltern her?“ „Aus Namibia.“ „Sehen Sie, das habe ich gemeint.“ (So oder so ähnlich zu hören auf deutschen Straßen…) Aha. Als ob ein dunkelhäutiger Mensch nicht selbst wüsste, dass seine Vorfahren vor kürzerer Zeit aus Afrika nach Europa gekommen sind als die des weißen Mannes (die irgendwann auch aus Afrika kamen). Was wir Deutsche dabei gerne vergessen ist, dass man seine Hautfarbe nicht in wenigen Generationen verliert – und dass sie rein gar nichts darüber aussagt, welcher Nation man angehört. Tatsächlich ist genau diese Ignoranz aber ein deutliches Zeichen von Rassismus, den wir gerne von uns weisen. Gut möglich, dass der Name von SPD-Spitzenkandidat Muchtar Al Ghusain bei der letzten Bürgermeisterwahl in Würzburg ausschlaggebend dafür war, dass der Kandidat der CDU gewählt wurde.

Xenophobie ist den Deutschen nicht eigen, sondern findet sich überall auf der Welt, aber ein so reiches und aufgeklärtes Land wie das unsrige hat am ehesten die Kapazitäten, um ihr entgegenzutreten, weil sich die meisten Bürger nicht mit elementaren Existenzängsten rumplagen müssen (nicht zu verwechseln mit Konsummangelängsten). Man kann den Umgang der Europäischen Union mit Flüchtlingen geißeln, aber mehr noch sehe ich Deutschland in der Pflicht. Nicht einmal, weil es jahrhundertelang Schauplatz blutiger und zerstörerischer Kriege und damit die Wurzel unermesslichen Leids war, sondern weil mich der unaufrichtige Umgang mit dem Konzept von Hilfe anwidert. Millionen von Deutschen migrierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Tausende kamen aus der DDR vor dem Mauerbau und nach deren Öffnung. Wir sollten selbst wissen, welche Verzweiflung und Angst hinter der Flucht stehen. Immer wieder bekam Deutschland Hilfe durch die internationale Gemeinschaft, um wieder dort hinzukommen, wo es heute steht. Jetzt, wo wir wieder oben sind, sagen wir aber, dass alles uns gehören soll und wir nicht teilen wollen – weil wir uns das verdient hätten?

Unbedingt anschauen: Unser Urteil ist eine Frage der Perspektive – und wird von unserer Kurzsichtigkeit und Arroganz bestimmt.

Falls ihr das nächste Mal durch einen Zaun oder eine Mauer von Flüchtlingen getrennt seid, fragt euch, warum sie auf der einen Seite stehen und ihr auf der anderen. Wenn ihr nicht gerade daran glaubt, dass es höhere Mächte waren, die euch in Zentraleuropa zur Welt kamen ließen, dann müsst ihr zugeben, dass Glück der entscheidende Faktor ist. In der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit ist die Definition des Duden für Demut. Für mich steckt in dem Wort, dass ich Vorteile, die mir per Zufall entstanden sind, nicht als selbstverständlich hinnehmen und stattdessen an die Menschen denken sollte, die weniger Glück im Leben hatten. Hilfsbedürftigen Menschen zu helfen ist keine Option; es ist eine moralische Verpflichtung.

Alles Gute, Chris!

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Nach Yousuf hat uns mittlerweile auch Chris verlassen. Chris war eines unserer ersten und engagiertesten neuen Mitglieder, das manchmal sechsmal in der Woche zum Tischtennis oder Fußball zu uns kam. Da sein Kind und seine Verlobte aber in Wiesbaden leben, hatte Chris beantragt, in die dortige Gemeinschaftsunterkunft versetzt zu werden, um mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können, was ihm auch gewährt wurde. Nach eigenen Angaben vermisst er den Verein sehr. Chris, du bist natürlich jederzeit willkommen und wir hoffen, dass für dich alles zu deinen Gunsten laufen wird.

 

Anlaufstelle für Kleiderspenden

Zum Glück finden sich immer wieder Menschen, die beispielsweise mit Kleiderspenden Aslybewerbern etwas Gutes tun wollen. Oft scheitern solche gut gemeinten Aktionen aber an organisatorischen Hürden, da das Hilfsnetzwerk zum Großteil aus ehrenamtlichen Helfern besteht. Eine klare Struktur und Logistik gibt es demnach nicht immer. Zumindest ist nun die Frage geklärt, wohin man sich am besten mit seinen Kleiderspenden wenden sollte, nämlich an den Caritas-Laden in der Koellikerstraße 5, 97070 Würzburg (Annahme mittwochs 15-18 Uhr und freitags 15-17 Uhr).

Der Caritas-Laden richtet sein Hilfsangebot nicht nur nach Asylbewerbern aus, sondern bietet seine Dienste allen Menschen an, die auf Hilfe angewiesen sind. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

 

Fremder, komm rein – Du bist willkommen!

In Deutschland wird oft von einer gescheiterten Integrationspolitik gesprochen, aber selten wird die Frage nach dem Beitrag der einzelnen Bundesbürger gestellt. Nicht am Rande der Gesellschaft werden Ausländer effektiv integriert, sondern in unsere Mitte müssen sie. Die meisten von ihnen würden uns eher nützen als schaden – wenn man ihnen denn die Chance dazu gibt.

Als ich vor mittlerweile zehn Jahren zwei Semester lang im ländlichen Pennsylvania in den Vereinigten Staaten von Amerika am College studierte, lernte ich sehr viel über die USA, Deutschland – und mich selbst. Ganz besonders erinnere ich mich an die vielen Unterschiede, obwohl die Bundesrepublik und das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ im Vergleich zu anderen Regionen der Erde doch sehr ähnlich sind. Offen waren die – das muss man ihnen lassen – meist freundlichen Amerikaner schon, aber andererseits auch unheimlich ignorant. Es fiel mir schwer, Freunde aus dem Inland zu finden, und weil es vielen anderen Ausländern ähnlich ging, verbrachten wir die meiste Zeit miteinander. Uns schlug kein Hass oder Ablehnung entgegen, aber andererseits gaben sich die amerikanischen College-Studenten auch nicht besonders viel Mühe damit, auf uns zuzugehen. Sicher, man hätte von uns als Gast erwarten können, dass die Initiative von uns ausgehen müsste – aber wir waren es doch, die sich in einem fremden Land, in einer fremden Kultur, mit einer fremden Sprache und einem fremden Volk zurechtfinden mussten. Der Punkt ist: Man greift zu kurz, wenn man sagt, die „Gäste“ hätten doch alle Chancen, weil man ihnen nicht feindlich gegenüber steht. Integration oder Verständnis braucht mehr – es braucht das beiderseitige Bemühen, sich näherzukommen.

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Deutschland (links) hatte in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gerade gegen Ecuador (rechts) gewonnen. Die Amerikaner (Mitte) sind beim Fußball eh nur Statisten…

Amerika war mir nicht so fremd wie China oder Somalia; und trotzdem war es nicht einfach, sich sofort anzupassen. Mehr noch, ich empfand es als nicht richtig, mich bedingungslos anzupassen. Kann denn ein Zusammenleben nur funktionieren, wenn man seine eigene Identität aufgibt? Stellen wir uns nun aber einmal vor, ich wäre nach China gegangen, ohne jemals die Sprache gelernt zu haben; stellen wir uns vor, ich hätte dort nicht studiert, sondern wäre auf der Suche nach Hilfe gewesen, da mir in Deutschland eine Gefahr für Leib und Leben drohte; stellen wir uns vor, ich wäre in eine Gesellschaft gekommen, die sich mir gegenüber – freundlich ausgedrückt – distanziert verhielt; stellen wir uns vor, ich wäre auf Grund meiner Vergangenheit traumatisiert und würde dennoch keine psychologische Hilfe bekommen. Wenn meine Integration dort scheiterte, wäre es allein mein Fehler?

Vielleicht könnt ihr euch denken, worauf ich hinaus will. Es ist in Deutschland wieder in Mode gekommen, gegen Ausländer zu hetzen. Besonders irritierend finde ich dabei, dass der aufrichtige Bürger immer wieder das Wort „Willkommenskultur“ betont, welche angeblich von den Ausländern ausgenutzt wird. Was genau ist denn unsere Willkommenskultur? Dass wir Asylverfahren jahrelang nicht bearbeiten und dass wir hilfesuchende Menschen in Massenunterkünften einpferchen? In Deutschland wird oft darüber gesprochen, dass die Integrationspolitik gescheitert ist, aber viel zu selten wird danach gefragt, was der einzelne Bürger getan hat, um das zu verhindern. Wer von den xenophoben Schreihälsen hat einem Zuwanderer die Hand gereicht um ihm zu zeigen, wie es in unserem Land läuft? Wer von ihnen hat den Ausländern das Gefühl gegeben, dass sie willkommen sind? Wer hat etwas dafür getan, dass die Zuwanderer nicht isoliert in unseren Großstädten zusammengesteckt werden, sondern gleichmäßig auf die wohlhabenden Gebiete verteilt werden, also dort, wo man am meisten Kapazitäten dafür hätte, etwas Fremdes einzugliedern? Es ist wie immer: Der Deutsche meckert gerne, möchte selbst aber nichts tun, um dem Missstand entgegenzuwirken, sondern einfach nur Sündenböcke finden. Auffällig ist dabei auch, dass immer die die meiste Vorurteile gegen Ausländer hegen, die den seltensten Kontakt mit ihnen haben.

Schließlich hatte ich auch ein paar amerikanische Freunde gewonnen. Es war kein Zufall gewesen, dass diese selbst im Ausland und daher weltoffener und verständnisvoller gewesen waren. Wenn also jedem, der nicht blind durch die Welt läuft, klar ist, dass der direkte Kontakt der effektivste Weg hin zu einer erfolgreichen Integration ist, warum intensivieren wir nicht solche Bemühungen? Es war genau diese Überlegung gewesen, die mich vor etwas mehr als einem Jahr dazu drängte, nicht weiter nur zuzusehen, sondern etwas zu tun, denn wer behauptet, dass er alleine nichts ändern kann, der ist einfach zu feige, die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen.

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Viele nette Ausländer: Eigentlich jeder, der ein Zeit lang im Ausland lebt, findet dort Freunde. Warum aber gehen wir mit Ausländern, die zu uns kommen, nicht genauso offen um und unterscheiden per se zwischen guten und schlechten Zuwanderern?

 

Als ich also das erste Mal meine Lebensgefährtin in die Gemeinschaftsunterkunft in Veitshöchheim im Herbst 2013 begleitete, unterhielt ich mich während des gemeinsamen Essens mit ein paar Asylbewerbern. Als Mitglied eines Sportvereins kam mir die Idee, dass man sich vielleicht auf diesem Wege einbringen könnte. Wie erwartet hatten die Flüchtlinge sehr wenige Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Warum sollten sie also nicht zu uns, zu den Freien Turnern Würzburg kommen? Die Idee war geboren, schnell fanden sich in unserem Verein Unterstützer. Ein Umstand, auf den ich durchaus stolz bin, denn ich glaube nicht, dass ein solches Projekt bei jedem Sportverein – gerade im biederen Bayern – möglich wäre. Klar war, dass die Asylbewerber kein Geld hatten. Nachdem wir den Lokalen Aktionsplan Würzburg als Förderer gewinnen konnten, stand unserem Projekt aber nichts mehr im Wege. Offiziell startete „Sport ohne Grenzen“ dann im April 2014.

Das Ziel: Asylbewerber sollen die Chance bekommen, vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied in den sieben Abteilungen unseres Sportvereins (Fußball, American Football, Lacrosse, Tischtennis, Taekwondo, Muay Thai, Gymnastik) werden zu können, ohne zusätzliche Kosten. Dank der eingeworbenen Fördermittel können wir die Kosten für den Nahverkehr, die Mitgliedsbeiträge und die Sportausrüstung erstatten. Davon profitieren beide Seiten: Die Asylbewerber, weil sie wie ein Mensch behandelt werden und die bisherigen Mitglieder, weil sie durch den direkten Kontakt Vorbehalte abbauen und sich selbst ein objektiveres Bild machen können.

Die ersten Wochen verliefen noch recht zäh. Wir versuchten, im Heimcafe, also vor Ort in der Gemeinschaftsunterkunft in Veitshöchheim, ober über Bekannte, die mit Asylbewerbern arbeiten, unser Projekt bekannt zu machen. Beim ersten Mal holte ich Interessenten direkt aus Veitshöchheim ab und brachte sie zum Training, um die erste Hemmschwelle – allein mit dem Nahverkehr zu einem fremden Verein zu finden – zu beseitigen. Oft wartete ich dabei vergeblich, denn trotz Verabredung tauchte niemand auf. Es dauerte aber nicht lange, bis sich die ersten zuverlässigen neuen Mitglieder fanden, die seitdem regelmäßig zu uns kommen. Jetzt, knapp ein Jahr nach dem Beginn des Projekts, gehören zehn Asylbewerber zum Verein, die – und das ist mir besonders wichtig – nicht nur mittrainieren dürfen, sondern auch an den Wettkämpfen teilnehmen.

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Der deutsche Spitzensport lebt von Ausländern. Warum sollten sie auf der Amateurebene etwas Außergewöhnliches sein?

Bekannt machte uns der Fall des Senegalesen Madiama Diop, der beim American Football heimisch wurde. Da er zum Stamm der Mannschaft gehörte dachten wir, es wäre nur eine Formalie, eine Ausnahmegenehmigung von der Residenzpflicht für ihn zu bekommen, damit er an einem Auswärtsspiel in Bamberg teilnehmen könnte. Wie sich herausstellten sollte, war diese Einschätzung zu naiv gewesen. Trotz lauten Protests unsererseits bekam er die Genehmigung nicht – und musste zu Hause bleiben. Daraufhin wurden die Footballer aktiv und suchten den Weg in die Öffentlichkeit, um gegen diesen Irrsinn Sturm zu laufen. Mit Erfolg, denn in ganz Deutschland war Madiama in Zeitungsartikeln, Radio- und Fernsehsendungen ein Thema. Selbst die Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Claudia Roth, besuchte uns im Oktober 2014, um unser Projekt kennenzulernen und sagte uns ihre Unterstützung zu. Schließlich – und daran wird auch dieser Fall beteiligt gewesen sein – beschloss die große Koalition die Abschaffung der Residenzpflicht für ganz Deutschland. Doch schon zuvor hatte der öffentliche Druck dazu geführt, dass die zuständige Behörde bei der Regierung von Mittelfranken dem nächsten Ausnahmeantrag stattgab und Madiama am Aufstiegsfinale außerhalb Unterfrankens teilnehmen konnte. Seine Mannschaft gewann und stieg in die Bayernliga auf.

Die meisten Asylbewerber finden sich indes in der Fußballabteilung. Sieben sind es mittlerweile, wodurch es manchmal durchaus Probleme im Trainingsbetrieb geben kann. Die Sprachprobleme sind offensichtlich und in einer Vereinsmannschaft haben die meisten von ihnen auch noch nicht gespielt. Es braucht also viel Geduld und Verständnis, aber man spürt, wie es mit der Zeit besser wird. Der Sport – und davon bin nicht nur ich überzeugt – ist eben einer der einfachsten Wege, einen ungezwungenen Zugang zur Integration zu finden.

Am Ende sind wir mit unserem Projekt noch lange nicht. Zum einen würden wir gerne noch mehr Asylbewerber als neue Mitglieder gewinnen (vor allem in den anderen Abteilungen neben dem Fußball), zum anderen würde ich gerne mehr erreichen als nur sportliche Teilhabe. Es wäre schön, über die eigene Homepage sportohnegrenzen.org ein Netzwerk aufzubauen, bei dem Angebote und Interessen von Asylbewerbern und Unterstützern gebündelt werden, um beispielsweise bei der Jobsuche oder bei der Vermittlung von Sprach-Tandems behilflich zu sein. Desweiteren unternehmen wir mit unseren Mitgliedern ohnehin auch schon viel neben dem Sport. Im Mittelpunkt standen sie z.B., als sie bei einer Veranstaltung der Katholischen Hochschulgruppe Würzburg im November 2014 mit etwa 150 Gästen die Rolle der Köche übernahmen und dafür sehr viel Dank und Lob erhielten.

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Na, wer kann in diesem Bild den Deutschen erkennen?

Warum macht man sich also die Mühe, Zeit und Arbeit in die Hilfe für andere Menschen zu stecken? Ich denke, auf alle ehrenamtlichen Betätigungen trifft das Gleiche zu: Wahre Erfüllung findet man oft in den Dingen, die nicht in erster Linie die eigenen Interessen bedienen. Genau betrachtet ist das aber nicht der Fall, denn der aufrichtige Dank eines Menschen, dem man geholfen hat, gibt uns mehr, als man mit Geld bezahlen kann. Man hilft also nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Viele der Asylbewerber sind wunderbare Menschen und mir hätte nichts Besseres passieren können, als sie kennenzulernen. Außerdem – und das kommt bei den meisten Mecker-Deutschen zu kurz – nehme ich das, was ich habe, nicht als selbstverständlich hin, sondern bin mir demütig bewusst darüber, im Leben sehr viel Glück gehabt zu haben. Ich betrachte es daher als meine moralische Pflicht, Menschen, die in Not zu uns kommen, nicht abzuweisen. Nicht die Ausländer sind alleine daran schuld, wenn es mit der Integration nicht klappt. Man kann sich nicht darüber beschweren, dass sie nicht an unserer Gesellschaft teilhaben, wenn man ihnen den Zugang dazu so schwer macht.

Es gibt vieles, was in Deutschland falsch läuft, und vieles in Vergangenheit und Gegenwart, für das ich mich schäme. Eines der großen Übel unseres Volkes ist meiner Meinung nach das nicht-gönnen-können. Wir können es nicht ertragen, wenn jemand anderes etwas bekommt, was er unserer Meinung nach nicht verdient hat. Wir verhalten uns alles andere als selbstlos, sind vom Neid zerfressen und treten die so oft beschworenen christlichen Werte mit Füßen. Asylbewerber bekommen bei uns sehr wenig, aber selbst das ist in den Augen der ewig-Verbitterten noch zu viel. Ich bin froh, dass den PEGIDA-Demonstrationen in der Regel größere Gegendemonstrationen gegenüberstehen, aber ich sehe auch die Gefahr, dass die Übergriffe gegen Ausländer weiter zunehmen werden. Um in den Spiegel schauen zu können, sollten wir alle irgendwann einmal Rückgrat beweisen, denn wer dem Schlechten nicht entgegenwirkt, der macht es erst möglich. Meine Freunde heißen nicht mehr nur Thomas, Nils oder Michael, sondern jetzt auch Ahmed, Salam und Yousuf. Sie sind gute, bescheidene Menschen, die einen Zugang zu unserer Gesellschaft gefunden haben, weil wir ihnen die Chance dazu gaben. Was ist hingegen der Beitrag eines gegen Ausländer agitierenden Demonstranten zur Integration? Wir sind multikulturell und können von Ausländern profitieren, wenn wir sie nicht ausgrenzen. Umso eher wir das akzeptieren und wertschätzen, umso eher können wir euch eine funktionierende Integrationspolitik auf die Beine stellen. „Sport ohne Grenzen“ ist nur ein kleiner Anfang, aber es verdeutlicht, was man mit einfachen Mitteln erreichen kann.

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Neue Kulturen, neue Freunde. Ich bin froh, diese Erfahrungen mit diesen Menschen machen zu können.

Die Freien Turner bei der Preisverleihung des Quantensprung-Wettbewerbs

Am Freitag, den 27.02.2015, fuhr eine Delegation der Freien Turnerschaft Würzburg an den Tegernsee, um an der Preisverleihung des vom Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) ausgeschriebenen „Quantensprung“-Wettbewerbs teilzunehmen. Die Freien Turner sind mit dem Projekt „Sport ohne Grenzen“ einer von fünf Sportvereinen, die aus einem Feld von über 160 Teilnehmern ausgewählt und mit dem mit 4000€ dotierten Preis ausgezeichnet wurden. Sponsor des Wettbewerbs war, wie auch schon in den vergangenen sieben Jahren, der BLSV-Kooperationspartner LOTTO Bayern.

Während der Gala, die in einem Séparée der Spielbank Bad Wiessee stattfand, wurden die Projekte der Siegervereine per Einspielvideo und kurzem Interview vorgestellt. (Hier ein Link zu den Videos: https://www.youtube.com/user/bayernsportTV/videos) Neben uns wurde mit der SG Scheidegg noch ein weiterer Verein für seine integrative Arbeit mit Asylbewerbern prämiert. Aber auch die anderen Preisträger leisten mit ihren Projekten einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft – der USC München Rollstuhlsport etwa wurde für seine herausragende Arbeit in der Inklusion von Menschen mit Behinderung ausgezeichnet.

Eine anschließende Führung durcQS50h die Spielbank, inklusive Demonstrations-Roulettespiel, rundete den Abend ab und eröffneten die Gelegenheit, uns mit den Vertretern der anderen Vereine über die Projekte, deren Erfolge, aber auch Schwierigkeiten bei der Umsetzung auszutauschen.

Die Freie Turnerschaft Würzburg bedankt sich aufrichtig beim BLSV und LOTTO Bayern für die Unterstützung und den feierlichen Rahmen der Preisverleihung. Das Preisgeld wird ausschließlich dem Verein und dem Projekt „Sport ohne Grenzen“ zugutekommen. Die Integrationsarbeit kann also weitergehen – auf dass wir noch vielen Asylbewerbern die Möglichkeit geben können, Teil unseres Vereins und unserer Gesellschaft zu werden!

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Die Berichterstattung beim BLSV gibt es hier.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert

Der Kontakt mit den Asylbewerbern ist für mich persönlich sehr wertvoll, weil ich dazu lerne und diese Menschen nun viel besser verstehen kann. Das Betrübliche daran ist, dass immer wieder deutlich wird, dass die Deutschen mit den größten Vorurteilen gegen die Ausländer oft auch die sind, die am wenigsten über sie, über ihre Ängste, Sorgen und Nöte wissen. Wie so oft ist es die Bildung, die Abhilfe schaffen könnte – wenn man ihr denn eine Chance gibt. Dabei kommt es auch nicht darauf an, ob alle Asylbewerber gute, vorbildliche Menschen sind. Es geht darum, dass die meisten von ihnen einen guten Grund haben, uns um Hilfe zu ersuchen – und das wir es genauso tun würden, wenn wir in ihrer Situation wären. Im Sinne der Aufklärung sammelt dieser Eintrag Informationen und stellt sie zur Verfügung, denn nur wer sich ausgiebig mit dem Thema beschäftigt, sollte sich auch eine Meinung dazu bilden.

Als erstes eine schöne Übersicht aus der Süddeutschen Zeitung, die die Befürchtungen der Deutschen den Fakten gegenüberstellt.

http://www.sueddeutsche.de/politik/faktencheck-zur-einwanderung-zahlen-gegen-vorurteile-1.2240831-2

Auch diese Übersicht von tagesschau.de liefert Zahlen und setzt diese den leider oft fehlgeleiteten Emotionen gegenüber.

http://www.tagesschau.de/inland/fluechtlinge-229.html

Experten, die sich mit dem Thema befassen, veröffentlichten eine Statistik mit Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünften im Jahr 2014 und sprachen von einem „erschreckend hohen Maß an flüchtlingsfeindlicher Hetze und Gewalt“. Es ist absurd, dass die Ärmsten einer Gesellschaft als Zielscheibe herhalten müssen, während die Mehrheit der Bevölkerung erfolgreich darüber getäuscht wird, wem sie eventuelle Ungerechtigkeiten eigentlich zu verdanken haben.

http://www.tagesschau.de/inland/fluechtlinge-233.html

Passend dazu: Wenn allein Steuern ehrlich und gerecht gezahlt würden, könnte man Millionen Flüchtlinge in Europa problemlos finanzieren:

https://www.youtube.com/watch?v=_Am0OHuVMBM

Noch ist vieles improvisiert, aber es gibt Grund zur Hoffnung, dass die Hilfe für Flüchtlinge in Würzburg irgendwann in geregelten Bahnen läuft und nicht nur vom Eigenengagement der Ehrenamtlichen abhängt. Ein erster Schritt ist die Einrichtung einer Anlaufstelle für Flüchtlingshelfer.

https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/Hilfe-fuer-die-Fluechtlingshelfer;art492151,8480171

Gerade Kinder, die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft, haben fast überall in der Welt unter Ungerechtigkeiten zu leiden. Das Problem auch in den reichen Ländern ist, dass in erster Linie die Interessen der Eltern zählen und nicht das Wohl des Kindes. Dass Kinder in Deutschland immer früher depressiv werden oder gestresst sind, ist eine beängstigende Entwicklung, die sie sich nicht selbst aussuchen. Hinzu kommen körperliche und seelische Misshandlungen. Wie ist es dann erst um Kinder bestellt, die inmitten von Krieg und Terror aufwachsen müssen?

http://www.tagesschau.de/ausland/un-kinderrechtskonvention-101.html

Noch immer stellt die Sklaverei weltweit ein großes Problem da. Oft landen Menschen in solchen Abhängigkeitsverhältnissen, weil sie keinen anderen Ausweg sehen als diesen Strohhalm zu ergreifen. Kann man es ihnen verdenken, wenn sie versuchen zu fliehen? Noch bedenklicher ist aber ohnehin, dass Deutsche – bewusst oder unbewusst – direkt zu diesem Problem beitragen, wenn es beispielsweise um die Zwangsprostitution geht.

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sklaven-und-sklaverei-leibeigene-in-thailand-schuften-auf-schiffen-a-1004933.html

Und zum Abschluss noch zwei Quellen von der Süddeutschen Zeitung:

http://www.sueddeutsche.de/politik/debatte-ueber-fluechtlinge-die-maer-vom-grossen-missbrauch-1.2325553

http://www.sueddeutsche.de/thema/360%C2%B0_Europas_Fl%C3%BCchtlingsdrama

Neues von „Sport ohne Grenzen“

In einem Teil Deutschlands, in dem man nur sehr wenige Ausländer und noch weniger Moslems findet, gehen besorgte deutsche Bürger genau gegen diese Menschen auf die Straße. Das gleiche Muster zeigt sich auch auf vielen anderen Ebenen: Umso weniger Kontakte bestehen, umso größer sind die Vorbehalte. Genau das ist einer der Grundgedanken von „Sport ohne Grenzen“, nämlich durch den direkten Kontakt Ängste zu nehmen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Lässt man es nämlich zu, die Asylbewerber kennenzulernen, dann merkt der ein oder andere Mensch auch, dass es sich um gute Menschen handelt, die uns deutlich mehr bringen als sie uns kosten (egal auf welcher Ebene) – wenn sie denn nur dürfen.

Nur ein Beispiel: Als ich den Arabern Yussuf und Ahmed erzählte, dass ich regelmäßig im Würzburger Klinikum Thrombozyten spende und damit nicht nur Leben rette, sondern auch Geld dafür bekomme, waren sie sofort bereit, dies auch zu tun. Allerdings lehnen sie es ab, dafür bezahlt zu werden. Tatsächlich habe ich bei unseren Kontakten schon oft festgestellt, dass sie für Werte stehen, die bei vielen Deutschen, die ich kenne, schon lange nicht mehr großgeschrieben werden. Bei ihnen erfahre ich eine Gastfreundschaft und Bescheidenheit, die mir das Herz aufgehen lässt.

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Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Integration vielleicht auch? Geschmeckt hatte es den Gästen in der KHG auf jeden Fall. Auf dem Bild zu sehen sind von links Tarek, Yussuf, Honest, Stephan, Chris und Ahmed sowie vorne Salam und Justin.

 

Unser Ziel bleibt es also auch weiterhin, so viele Kontakte wie möglich herzustellen, um dadurch den Menschen klarzumachen, wie gerechtfertigt das Anliegen der meisten Asylbewerber ist und was für gute Menschen sie sein können. Eine Gelegenheit dazu bot sich im November bei einer Veranstaltung der Katholischen Hochschulgemeinschaft (KHG), in der Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat zu Gast war. Traditionell wird bei solchen Veranstaltungen der KHG auch ein Essen angeboten, dessen Bezahlung auf Spenden der Gäste beruht. Was würde sich bei einem Abend zum Thema „Kein Mensch ist illegal“ also mehr anbieten, als Asylbewerber landestypisch kochen zu lassen? Unsere Mitglieder waren sofort bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Vom Andrang an diesem Abend waren die Organisatoren überwältigt, was durchaus als ein gutes Zeichen gewertet werden kann, da es darauf hindeutet, dass sich mehr Menschen bewusst mit dem Thema auseinandersetzen. Das Wichtigste war für mich aber fast, dass die Asylbewerber im Mittelpunkt standen, beachtet und wie gleichwertige Menschen behandelt wurden. Es machte ihnen sichtlich Spaß, das Essen auszuteilen und die Komplimente dafür entgegenzunehmen.

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Auch thematisch war der Abend auf Grund des Vortrags von Alexander Thal äußerst lehrreich. Interessant war dabei auch die Kulisse: Thal sagte ein paar Worte und hielt dann inne. Währenddessen hörte man in verschiedenen Ecken des Saals freiwillige Übersetzer in verschiedensten Sprachen das wiederholen, was gerade gesagt wurde. Eine für mich fast schon bewegende Atmosphäre, weil es zeigte, wie bunt unsere Gesellschaft sein kann, ohne dass auch nur ein Deutscher etwas verlieren würde. Inhaltlich ging es im Vortrag um diverse Aspekte bezüglich Asylsuchender und Flüchtlinge. Da Fakten immer noch die besten Argumente sind, soll an dieser Stelle auf ein paar hingewiesen werden:

  • Auch wenn die Zahl der Asylsuchenden in den letzten Jahren in Deutschland rasant angestiegen ist (2014: ca. 200.000), so darf man nicht vergessen, dass sie Mitte der 1990er Jahre schon sehr viel höher war (in der Spitze über 400.000). Offensichtlich ist Deutschland daran weder zerbrochen, noch ist das Abendland untergegangen.
  • Bei den Hauptherkunftsländern der Asylbewerber findet man unter den ersten zehn Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia und Irak – alles zweifellos Länder, in denen Krieg und Zerstörung herrscht. Wer angesichts dessen davon spricht, dass die meisten Asylbewerber nur mehr Geld verdienen wollen, der ist entweder furchtbar schlecht informiert oder boshaft. Bei den anderen Ländern handelt es sich hauptsächlich um den Balkan, also um eine Region, die immer wieder durch Bürgerkriege und ethnische Konflikte erschüttert wurde. Angesichts der momentanen relativen Ruhe davon zu sprechen, dass kein von dort kommender Asylbewerber ein berechtigtes Anliegen hat, scheint mir ebenfalls ignorant oder boshaft.
  • 2006 gab es in Bayern 255 Flüchtlingslager, Ende 2014 waren es nur noch gut 180.
  • In einem von der Regierung betriebenen Lager fallen pro Asylbewerber ca. 450 Euro pro Bett und Monat an, bei einer dezentralen Unterkunft gar bis zu 600 Euro. Die Kosten muss die Kommune und damit der Steuerzahler übernehmen. Würden die Asylbewerber ausziehen dürfen, würden die Kosten also sinken, denn man kann davon ausgehen, dass in der Regel nicht 450 Euro pro Person und Monat an Miete anfallen würden. Bayern ist bei der Auszugsregelung, genauso wie bei der Residenzpflicht, aber sehr unflexibel und konservativer als andere Bundesländer.
  • 2015 werden in Bayern endlich fünf weitere (bisher nur zwei) der dringend benötigten Erstaufnahmelager in Deggendorf, Regensburg, Bayreuth, Schweinfurt und Augsburg eröffnet. Der Bedarf war seit langem abzusehen, die Regierung weigerte sich aber, zu handeln.
  • Flüchtlinge unterliegen in den ersten 3 Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland einem strikten Arbeitsverbot. Für die sich anschließenden 12 Monate gilt das sogenannte Nachrangigkeitsprinzip: 1. Schritt: Arbeitsstelle von Arbeitgeber auf einem Formular bestätigen lassen. 2. Schritt: Mit diesem Formular bei der Ausländerbehörde eine Arbeitserlaubnis beantragen. 3. Schritt: Die Ausländerbehörde gibt Formular weiter an die Arbeitsagentur, die dann prüft, ob arbeitslose Deutsche oder EU-Ausländer der Arbeit nachgehen können. 4. Schritt: Nach 6 Wochen Prüfung kann Ausländerbehörde Arbeitserlaubnis erteilen. Nach 15 Monaten erlischt das Nachrangigkeitsprinzip, Arbeitserlaubnisse müssen aber weiterhin bei der Ausländerbehörde beantragt werden

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So wie hier im November in der KHG finden sich immer mehr Menschen, die dazu bereit sind, Asylbewerbern zu helfen. Eine Entwicklung, die Hoffnung macht. Ganz rechts ist Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat zu sehen. 

 

Eine solche Veranstaltung macht noch ein weiteres Ziel des Projekts „Sport ohne Grenzen“ deutlich. Schön wäre es, wenn es in Zukunft nicht nur selbstverständlich wäre, die Asylbewerber am Sportprogramm teilnehmen zu lassen, sondern ihnen außerdem noch in anderen Bereichen des Lebens behilflich sein zu können. Deshalb trafen wir uns vor ein paar Wochen mit Tilmann Gauß, der in Würzburg ehrenamtlich für Amnesty International aktiv ist. Darauf aufmerksam wurde ich durch einen Vortrag zum Thema „Einführung in das Asylrecht“ von Amnesty International, ebenfalls in der KHG. Das Treffen hatte sich durchaus gelohnt, da Tilmann den drei Arabern, die daran teilnahmen, wichtige Hinweise für das weitere Vorgehen geben konnte. Besonders wichtig: Die Erstanhörung ist der wichtigste Schritt im Asylverfahren, auf dem alle späteren Entscheidungen beruhen. Gerade deshalb bietet Amnesty an, die Asylbewerber gezielt darauf vorzubereiten, damit sie eben die bestmögliche Chance auf einen positiven Ausgang des Verfahrens haben. Auch wichtig: Man mag ja meinen, es sei gut zu betonen, dass man in Deutschland nur ehrlich arbeiten und niemandem auf der Tasche liegen wolle, doch gerade das sollte kein Asylbewerber im Verfahren sagen, denn es ist mit dem Stigma des unerwünschten Wirtschaftsflüchtlings behaftet. Eine der kommenden Aufgaben wird es nun sein, mit einem der Asylbewerber eine Lösung zu finden, wie der notwendige Anwalt finanziert werden kann, denn eins machte der Vortrag von Amnesty klar: Selbst als Deutscher ist man von der Vielfalt der Gesetzgebung überfordert. Wie soll es da erst einem Asylbewerber gehen?

Zu guter Letzt noch eine sportliche Meldung. Bei der diesjährigen Würzburger Stadtmeisterschaft im Hallenfußball wurden die Freien Turner Elfter von Achtzehn, was für uns durchaus ein gutes Ergebnis ist. Mit dabei war mit Ahmed Khalidi auch eines unserer neuen Mitglieder, ein Asylbewerber aus dem Irak, der bei der Siegerehrung stellvertretend die Urkunde in Empfang nahm. Noch liegt ein weiter Weg vor uns, aber ich bin guten Mutes, dass es irgendwann selbstverständlich sein wird, dass viele Asylbewerber zur Mannschaft gehören. Ich denke dem Verein und allen Beteiligten, dass sie dieses Projekt erst möglich machen!