Die Wertschätzung ehrenamtlicher Arbeit

München: Der Bayerische Fußballverband (BFV) hat zur Ehrung ehrenamtlicher Helfer geladen, die sich für die Integration von Flüchtlingen in ihrem Sportverein einsetzen. Als Veranstaltungsort dient ein edles Varieté-Theater, aufgetischt wird auch ordentlich. Zwischendurch klopfen sich Vertreter des BFV auf der Bühne gegenseitig für ihre tolle Arbeit auf die Schulter. Für die geladenen ehrenamtlichen Helfer gibt es einen lauwarmen Händedruck.

Ein edles Casino im Süden Bayerns: Zur Überreichung von Fördermitteln werden ehrenamtliche Helfer vom Bayerischen Landessportverband und von Lotto Bayern eingeladen. Mit dabei: Ein Flüchtling unseres Vereins, dem gönnerisch ein 50-Euro-Schein zugesteckt wird, damit er sich im Casino austoben kann. Serviert werden – überspitzt gesagt – gefüllte Giraffenhälse. Im Nobelhotel wartet anschließend die Sauna.

Deutscher Bundestag, 29. Januar 2016: Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen hat ehrenamtliche Helfer zum gegenseitigen Austausch zu einer Tagung nach Berlin eingeladen. Profitieren möchte die Partei von funktionierenden Ideen der Basis bei der Integration von Flüchtlingen. Die Aufrichtigkeit dieser Intention scheint allerdings zweifelhaft, wenn die anwesenden Politiker entweder nur für das Pressefoto erscheinen oder auf ihrem Smartphone rumtippen, sobald jemand anderes als sie selbst sprechen. Medienwirksam überreicht wurden die von den Teilnehmern formulierten Verbesserungsvorschläge aber natürlich trotzdem.

Gut, so schlecht war die Aktion der Grünen mit Sicherheit nicht, da man als ehrenamtlicher Helfer zumindest einmal die Chance hatte, im Bundestag zu Wort zu kommen. Viel eklatanter sind die beiden anderen genannten Beispiele: Ehrenamtliche Helfer stehen nur im Rampenlicht, wenn sich die Veranstalter selbst in Szene setzen können. Erleichterungen der Arbeit im Alltag sind damit oft nicht verbunden – und wären dennoch so wichtig.

Man ist dabei, einen jungen Flüchtling in seinen Verein zu integrieren aber weiß nicht, wie lange er überhaupt noch in der Nähe wohnen wird, ob er eine Ausbildung beginnen oder einen Sprachkurs besuchen darf, wie lange sein Asylverfahren noch dauern und wie es ausgehen wird. So mag es nicht sofort einleuchten, warum die Süddeutsche Zeitung ein paar ehrenamtlichen Helfern einen großen Artikel widmet, in dem es lediglich darum geht, dass eben jene Helfer einer Ehrung im bayerischen Landtag fernbleiben wollen. Doch wenn man sich mit der Thematik beschäftigt weiß man, wie unaufrichtig solche Schulterklopfer manchmal erscheinen, wenn die gleichen Institutionen Wasser auf die erbaute Sandburg gießen, deren Erbauung sie loben.

2016 kamen weit weniger Flüchtlinge nach Deutschland als im Jahr zuvor. Obwohl uns Studien, Experten, ja der gesunde Menschenverstand sagen, dass die Integration all dieser Menschen viele Jahre und große Mühen beanspruchen wird, wird an bestimmten Stellen, die daran beteiligt sind, schon wieder gespart. Gerade in der so wichtigen sprachlichen und beruflichen Ausbildung hakt es, wie dieser Artikel beschreibt.

Hinzu kommen immer weitere Verschärfungen des Asylrechts, die die Chancen auf Ausbildung, Arbeit und psychologische Behandlung immer weiter erschweren und so auch bei den Helfern die offensichtliche Frage aufwerfen, inwiefern Integration überhaupt gewollt ist.

Es braucht also weniger Schulterklopfer, weniger Selbstbeweihräucherung, sondern mehr Planungssicherheit. Schnelle, faire Asylverfahren sowie faire Zugänge zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt helfen nicht nur den Flüchtlingen, sondern auch den vielen ehrenamtlichen Helfern, ohne die das Versagen der Regierung bei der Versorgung der Flüchtlinge in einer Katastrophe hätte enden können.

Infos, Infos, Infos

Nach ein paar Wochen der Untätigkeit komme ich jetzt endlich wieder einmal dazu, unseren Blog zu aktualisieren. Ehrlich gesagt liegt es auch daran, dass der Schock nach der Wahl in den USA uns umso deutlicher machen sollte, dass wir alle in irgendeiner Form aktiv sein müssen, um Nationalisten und Demagogen nicht das Feld zu überlassen. Fangen wir also an mit einer Mischung aus Informationsmöglichkeiten und Mitteilungen für alle Interessierten, die sich angesammelt haben.

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So prangert der unterfränkische Bezirksjugendring in einer Pressemitteilung vom Oktober 2016 beispielsweise an, welche Hindernisse die bayerische Staatsregierung der Integration von jungen Flüchtlingen in den Weg stellt:

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Für alle, die die Vorfälle in Dresden während der Feierlichkeiten zum Tag der deutschen Einheit schon vergessen haben, sei noch einmal dieser Aufruf einer Kollegin von mir:

https://causa.tagesspiegel.de/besorgte-buerger-sind-militante-egoistennbsp.html

Tag eins nach der Unabhägigkeitsfeier in Dresden. Fassen wir zusammen:

Besucher auf dem Weg zur Kirche werden mit dem entfesselten Hass eines primitiven Mobs konfrontiert. „Ein dunkelhäutiger Mann, der am Gottesdienst teilnehmen will, wird mit Affengeräuschen und „Abschieben“-Rufen empfangen. „Wir sind traurig und beschämt über die Respektlosigkeit und den Hass der Pöbler bei den bisher friedlichen Feierlichkeiten“, wittert die sächsische Staatsregierung“, so die Mainpost von heute.

IST DAS NICHT ZUWENIG? IST DAS NICHT ZU LEISE, ZU ARTIG, ZU VERZAGT, ZU MILDE – VON UNS ALLEN?

Aus dem Blog des „Tagesspiegels“ vor Ort in Dresden [http://www.tagesspiegel.de/politik/blog-zum-tag-der-deutschen-einheit-dresdner-bekommt-endlich-den-hintern-hoch/14633844.html]:

„Festakt zum #TdDE2016 in #Dresden auf dem #Theaterplatz nicht zu hören. Männer mit Wutgesichtern und Ohrstöpseln brüllen „Widerstand“.“

„Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) hält die Einheit Deutschlands noch nicht für vollendet. Vielmehr sei sie noch zu gestalten: „Auf die nach wie vor bestehenden ostdeutschen Besonderheiten müssen wir reagieren“, sagte Tillich als amtierender Bundesratspräsident beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Semperoper.“

„Die sächsische Staatskanzlei ist „traurig und beschämt“ über den Hass der pöbelnden Menge. “

„Die [pöbelnde rechte] Demonstration auf dem Neumarkt war nicht angemeldet. Sie werde mittlerweile als Versammlung gewertet, teilte die Polizei mit. Eine solche Versammlung ist eigentlich am Tag der deutschen Einheit in der Innenstadt nicht zugelassen. Diese werde aber geduldet, da sie keine Auswirkung auf den Sicherheitsbereich oder das Protokoll habe.“ Die Polizei auf kritische Nachfragen weiter: „Die Personen vor der Frauenkirche haben wir in Abstimmung mit der Stadt als verantwortliche Versammlungsbehörde als Versammlung angesehen. (Ein Versammlungsleiter gab sich nicht zu erkennen.) Von den Personen ging keine Gefahr für Ablauf und Sicherheit der Protokollveranstaltungen aus. Die verbalen Äußerungen bzw. die Trillerpfeifen werten wir als Form der Meinungsäußerung. Vor diesem Hintergrund wurde gemeinsam mit der Stadt entschieden, nicht einzugreifen.“
Zu der Frage, warum das Schild eines Demonstranten mit einem Zitat von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels nicht beschlagnahmt wurde: „Das benannte Schild [im Blog abgebildet und gut sichtbar: ] ist uns bekannt. Eine strafrechtliche Relevanz kann derzeit nicht festgestellt werden.“

Und:
„Die massiv beschimpfte Bundeskanzlerin ruft zu Respekt und Toleranz auf. „Für mich persönlich, aber auch für die allermeisten Menschen in Deutschland ist dies nach wie vor ein Tag der Freude, ein Tag der Dankbarkeit, aber natürlich auch ein Tag, an dem wir 26 Jahre nach der deutschen Einheit sehen, dass neue Arbeit, neue Probleme auf uns warten“, sagte sie am Rande der Einheitsfeier. „Und ich persönlich wünsche mir, dass wir diese Probleme gemeinsam, in gegenseitigem Respekt, in der Akzeptanz sehr unterschiedlicher politischer Meinungen lösen, und dass wir auch gute Lösungen finden.“

Sie wünsche sich weiter, “ dass die Menschen miteinander im Gespräch bleiben und das ganz besonders auch angesichts vieler, die gar nicht sozusagen sich um dieses Gespräch bemühen.“ “

Ja, den letzten Satz kann man angesichts der 450.000 friedlichen Bürger, die sich trotz Regen zur Einheitsfeier eingefunden haben, nur unterstreichen!

ABER: DAS GENÜGT NICHT! Nicht an die Adresse des hasserfüllten Mobs, der Plätze und Schlagzeilen beherrscht, dem gegenüber auch die Ordnungskräfte und die Polizei vor Ort eine erstaunliche Milde und Toleranz walten lassen – an die ich mich im umgekehrten Fall bei öffentlichen Auftritten von Antifaschisten nicht erinnern kann. Eine aggressiv menschen- und demokratiefeindliche Gesinnung muss auch klar so benannt und viel deutlicher, entschlossener, sichtbarer bekämpft werden! Zurückhaltend und diplomatisch formulierte Äußerungen werden der Brisanz und der Gefährlichkeit dieser entfesselten Menschenfeindlichkeit nicht gerecht. Und (tolerierten) Parolen folgen Taten! Allein am letzten Wochenende drei massive fremdenfeindliche (Brand-)Anschläge – mit Billigung der Gefahr für Leib und Leben.

Daher ist dieser Appell auch an uns alle gerichtet:

„Die Empörung vieler Bürger, auch vieler Dresdner, über die hasserfüllten Proteste am Tag der Deutschen Einheit hat Gerhard Ehninger in Worte gefasst. Der Medizin-Professor des örtlichen Uniklinikums und Mitglied der Initiative „Buntes Dresden“ schrieb in einem via Twitter verteilten Appell: „Wann gab es das zuletzt, dass ein Gottesdienst mit Hass und Trillerpfeifen gestört wurde? Wann wurden zuletzt Gottesdienstbesucher beschimpft und angeschrien? Wann zuletzt wurden dunkelhäutige Gottesdienstbesucher aufs Schlimmste beleidigt? „Schämt euch“! Wir müssen zusammenstehen gegen diese Intoleranz und diesen Hass. Dresdner und Sachsen, schämt euch nicht nur im stillen Kämmerlein. Äußert euch bei jeder Gelegenheit für ein weltoffenes und tolerantes Dresden. Bekommt endlich den Hintern hoch!““

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Diese ARD-Dokumentation versucht zu erörtern, was in Deutschland im vergangenen Jahr in der Flüchtlingsarbeit geschehen ist und welche Herausforderungen noch vor uns liegen:

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Wie läuft eigentlich eine Abschiebung ab? In dieser Dokumentation kann man das erfahren. Übrigens wird mittlerweile – wie ich selbst erlebt habe – auch in Bayern die in diesem Beitrag erwähnte Methode angewandt, Asylbewerbern ohne Bleibeperspektive eine freiwillige Rückreise nahezulegen. Die Kosten für den Transport und für eine Starthilfe vor Ort übernimmt die Ausländerbehörde.

Nackt unter Flüchtlingen

Gegen Ende einer Spielgruppentagung des Bayerischen Fußballverbandes im Kreis Würzburg vor einigen Jahren ergreift einer der anwesenden Vereinsvertreter das Wort. Er berichtet von einem Spiel in der abgelaufenen Saison, bei dem sich einer der eigenen Spieler bei einem Zweikampf das Bein brach. Dem Gegenspieler, dessen türkische Herkunft betont wird, wird dabei keine Absicht unterstellt. Tatsächlich ist die Motivation, die hinter der Äußerung des Vereinsvertreters steht, ein Lob an eben jenen Gegenspieler, auch wenn er nicht anwesend war. Es wäre vorbildlich gewesen, wie er sich anschließend verhalten, wie er sich immer wieder nach dem Wohlergehen des verletzten Spielers erkundigt und wie er ihn im Krankenhaus besucht hätte, um sich zu entschuldigen. Schließlich schloss der Vereinsvertreter mit einer Schlussfolgerung, bei der wir die Stirn runzeln sollten: „Wir haben gemerkt, dass die…die…“ – er suchte nach den passenden Worten – „dass die ganz ok sind…also so wie wir!“ So wurde aus einem intendierten Lob für Menschen mit Migrationshintergrund eine Veranschaulichung von tief verwurzeltem, gesellschaftlich kaum wahrgenommenem Rassismus. Es gibt eben Menschen – und es gibt Türken bzw. Ausländer im Allgemeinen. Dass diese genauso gut oder schlecht wie wir Einheimischen sind, müssen sie erst noch beweisen und wird bis dahin angezweifelt.

Um fair zu bleiben: Xenophobie, also die Angst vor dem Fremden bzw. Unbekannten, betrifft nicht nur Menschen, die weniger weiß und christlich als der nicht existierende Standard-Deutsche sind, sondern auch Deutsche selbst (oder eben jede andere Nation). Als jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik geboren wurde und der bis zu seinem 19. Lebensjahr in Ostdeutschland lebte, wurde mir später in Hessen und Bayern immer wieder deutlich gemacht, dass ich anders und irgendwie nicht gleich war. Witze nannte man es, über Bananen oder fehlende Freiheiten, wenn es doch etwas anderes war: Man fühlt sich selbst besser, wenn man sich in der Ablehnung oder Stigmatisierung einer anderen Gruppe mit anderen vereinen konnte. Doch es braucht nicht einmal den Ossi-Wessi-Konflikt, denn fast jeder, der auf ein Dorf zieht, kennt das Problem: Man gehört meist nicht so richtig dazu. Man ist und bleibt ein Zugezogener, der sich vorbildlicher verhalten muss als alle, die dort aufgewachsen sind.

 

Many Cubans resented the relatively large number of refugees (including 2,500 Jews), whom the government had already admitted into the country, because they appeared to be competitors for scarce jobs.
Hostility toward immigrants fueled both antisemitism and xenophobia. Both agents of Nazi Germany and indigenous right-wing movements hyped the immigrant issue in their publications and demonstrations, claiming that incoming Jews were Communists.

Voyage of the St. Louis

 

Quelle: https://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2015/11/17/what-americans-thought-of-jewish-refugees-on-the-eve-of-world-war-ii/

 

Integration ist keine Einbahnstraße

Nun könnte man es Dummheit nennen, dass in unserem Land derzeit so viele Menschen Hass gegen etwas entwickeln, dass sie gar nicht kennen – und auch gar nicht kennenlernen wollen. Doch egal, wie man es nennt, es hat fatale Folgen: Brennende Flüchtlingsunterkünfte, Vorverurteilungen ganzer Volksgruppen und scheiternde Integration durch gegenseitig Ablehnung und Abgrenzung. Das traurige dabei: Fast in jedem deutschen Stammbaum finden sich in der Vergangenheit Flüchtlinge. Es sagt einiges über unsere Natur aus, wenn wir anderen nicht das gönnen, was uns in der Vergangenheit zugutegekommen ist.

„Aber die Flüchtlinge wollen und können sich doch gar nicht integrieren und sie lehnen unsere Werte ab“, schreien dann unisono die Rechtspopulisten, denen man als erstes darauf die Frage stellen sollte, wie viele von ihnen sie persönlich kennen. Integration – das haben nach wie vor noch viel zu wenige Menschen verstanden – ist keine Einbahnstraße.

Eine Reise um die Welt an einem Abend

Freitagabend. Ich warte auf die anderen Fußballer und begrüße bei unserem Sportverein die Mitglieder unserer neuen Tanzabteilung, die zum größten Teil aus Flüchtlingen aus Armenien besteht. Wie immer sind die Frauen gut gelaunt und freuen sich auf das Miteinander. Anschließend lerne ich eine Gruppe syrischer Flüchtlinge kennen, die sich für die Fußballabteilung interessieren. Begleitet werden sie von einem anerkannten Flüchtling aus Äthiopien, der schon länger in Deutschland lebt und sich nun für andere Ausländer einsetzt.

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Nach dem Kicken bin ich mit meiner Frau zum Fastenbrechen – es ist Ramadan – in die neue Flüchtlingsunterkunft im Würzburger Stadtteil Zellerau eingeladen. Dort warten auf uns eine Iranerin, mittlerweile anerkannt und eine gute Freundin, und eine afghanische Familie, die ich zum ersten Mal treffe. Die Wohnung ist klein und eng und dennoch ein Paradies im Vergleich mit anderen Flüchtlingsunterkünften. Sie sprechen kein Deutsch – und doch ist die Atmosphäre angenehm und gastfreundlich. Die Iranerin übersetzt, wenn nötig, ins Persische. Es ist viertel vor zehn, endlich kann die afghanische Familie wieder essen und trinken. Tagsüber war es bis zu 34°C heiß. Wir, die Gäste, bekommen zuerst aufgetischt. Wir sitzen auf dem Boden und essen mit den Fingern. Diese Menschen kennen uns nicht, sie sind arm, denke ich mir. Trotzdem sind sie beseelt von dem Gedanken, mit uns das Wenige zu teilen, was sie haben. Da wir vegan leben, haben sie auch darauf Rücksicht genommen und für ihre Verhältnisse ungewöhnlich gekocht. Der Schwager der Iranerin, selbst Afghane, kommt hinzu. Immer wieder rennen kleine Kinder an der offenen Tür vorbei, schauen neugierig hinein und begrüßen uns. Niemand scheint Angst oder Vorbehalte zu haben. Alle fühlen sich wohl.

Die Notwendigkeit der Provokation

Während die beiden Söhne ihren Weg zur Moschee antreten, folgen Gespräche über Politik und die Stellung der Frau. Warum? Weil es wichtig ist zu vermitteln, wofür man selbst steht und was im Allgemeinen in der Gesellschaft akzeptiert wird. Niemand fühlt sich angegriffen oder belästigt, da wir nicht belehren, sondern argumentieren wollen. Warum soll sich die Frau verschleiern? Warum erledigt der Mann nicht auch die Arbeiten zu Hause? Warum ignorierst du das religiöse Rauchverbot, bestehst aber auf anderen Einschränkungen? Die Antworten – wie soll es bei religiös bedingten Verhaltensweisen auch anders sein – sind dürftig und unbefriedigend. Doch die Fragen erfüllen ihren Zweck, denn sie bringen die Beteiligten zum Nachdenken. Wichtiger noch: Sie kommen von Frauen, die sich weder verschleiern noch hinter ihren Männern verstecken müssen. Ein stärkeres Signal kann es nicht geben. Ich spreche nicht für meine Frau. Sie spricht für sich (was leider auch nicht bei allen Deutschen selbstverständlich ist).

Der Islam in Europa - Karikatur

Schließlich können wir so weit gehen und erwähnen, dass die Frauen immer das stärkere Geschlecht sind. Wenn Flüchtlingsfamilien nach Deutschland kommen, sind die Männer meist die ersten, die in Depressionen verfallen. In der Heimat hatten sie das sagen und verdienten das Geld. Nun sind sie nutzlos. Für die Frauen hat sich aber nicht viel geändert. Sie müssen nach wie vor den Haushalt führen, sich um die Kinder kümmern und die Familie zusammenhalten. Scheiterten sie, hätte die ganze Familie ein Problem. Doch im Gegensatz zu den Männern machen sie weiter. Unabhängig davon steht im Koran geschrieben, dass Frauen sich bedecken sollen, um sich selbst zu schützen, denn (muslimische) Männer könnten sich sonst ob der Entblößung weiblicher Reize nicht kontrollieren. Die Männer hingegen müssen sich nicht verschleiern, denn – und das verschweigt der Koran anscheinend – Frauen sind stärker und haben sich unter Kontrolle. Wahrscheinlich wissen die Männer das auch – und müssen sie sich deshalb gefügig halten.

Stille. Etwas hilflos sucht der Mann nach Rechtfertigungen. Solche Argumente – und das merke ich immer wieder – sind ihm noch nicht begegnet, da in den oft streng religiösen Heimatländern der Muslime die Lehren des Korans nicht angezweifelt werden. Und genau das müssen wir tun: Menschen aller Glaubensrichtungen herausfordern und ihre Überzeugungen in Frage stellen, aber eben nicht als Vorwurf, sondern als Frage. Dabei hilft es natürlich, wenn man so wie ich den Koran selbst gelesen hat. So weiß ich auch, dass es durchaus nachvollziehbar ist, wenn sich islamische Terroristen auf den Koran beziehen. Diese heilige Schrift mag einzigartig darin sein, dass sie den Gläubigen eine Belohnung in Aussicht stellt, wenn sie im Kampf für Allah gegen die Ungläubigen sterben. Auch dieser Hinweis kann gemäßigte Muslime dazu bringen, über ihren eigenen Glauben nachzudenken.

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Nackt unter Flüchtlingen

Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht, als mich der afghanische Gastgeber darauf aufmerksam macht, dass mir ja eine Massage versprochen wurde. Ich ziehe mich also bis auf die Hose aus und lege mich auf den Boden. Seine Frau verlässt den Raum bevor ich erklären kann, dass mit eine solche Ungleichbehandlung (immerhin sind noch zwei andere Frauen im Raum) nicht passt. Der Gastgeber beginnt mit seiner recht derben, aber dennoch angenehmen Massage. Als es um meine Beine geht, ziehe ich auch die Hose aus. Die Stimmung ist gut, hinter meinem Rücken wird gescherzt. Schließlich macht mir der Masseur durch die Übersetzer klar, dass ich in die Dusche steigen soll. „Zum Abwaschen?“ „Nein, zum Massieren…“

Da sitze ich nun also, nackt in einer fremden Dusche, während mir ein fremder Mann meinen Kopf massiert. Mir ist nicht ganz klar, wie ich mich fühlen soll, als er mich anschließend abduscht. Selbst das abtrocknen übernimmt er. Widersprechen kann ich eh nicht, da er mich auch gar nicht verstehen würde. Dann sind wir fertig – nach einer knappen Stunde. Inzwischen ist es halb zwei. Die Anwesenden sind müde, würden das den Gästen gegenüber aber nie artikulieren. Inzwischen ist auch der Mann der Iranerin, ein Freund von mir, nach dem Ende seines Arbeitstages angekommen. Wir reden ein wenig miteinander. Ob ich mal mit ihm in die Disko gehen würde? Klar, aber nur, wenn seine Frau das auch dürfte…

Gegen zwei Uhr morgens zieht ein Gewitter auf und wir gehen besser, bevor der Regen einsetzt. Die Atmosphäre ist nach wie vor angenehm und herzlich. Was an Essen noch übrig ist, wird uns mitgegeben. Auch wenn es nicht das erste Mal ist, so überrascht mich diese Gastfreundschaft der Flüchtlinge immer wieder aufs Neue positiv, da ich zu viele verbohrte Deutsch gewöhnt bin. Die Iranerin umarmt mich zum Abschied – was noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen wäre. Es ist offensichtlich, dass diese Menschen – unsere Freunde – dabei sind, in Deutschland anzukommen und das wir als Einheimische eine große Rolle dabei spielen.

Wovor haben wir Angst?

Nach einem Tag also, an dem ich mehr Zeit mit Flüchtlingen als mit Deutschen verbracht habe, sitze ich nun also am Computer und stelle mir diese eine Frage: Wovor haben wir eigentlich Angst? Wenn ich mich nackt in der Dusche von einem fremden Ausländer massieren lassen kann, ist es dann wirklich zu viel verlangt von anderen Deutschen, einen sehr viel kleineren Schritt auf die Flüchtlinge zuzugehen? Sie kommen nicht in unser Land mit feindlichen Absichten, sondern auf der Suche nach Frieden, Freiheit und Wohlstand. Ja, sie sind anders, aber „fremde Erde ist nur fremd, wenn der Fremde sie nicht kennt.“ Ob wir wollen oder nicht – Deutschland wird sich in den nächsten Jahren verändern und vielfältiger werden. Wir können das als Bedrohung wahrnehmen oder als Chance. Ich für meinen Teil habe meine Wahl bereits getroffen.

„Fremde Erde ist nur Fremd, wenn der Fremde sie nicht kennt.“

Ist Demut eine moralische Verpflichtung?

Innerhalb des letzten Jahres, seit dem Start von „Sport ohne Grenzen“, hat sich in meinem Leben einiges geändert. So richtig deutlich wurde mir das, als ich in den Osterferien allein mit fünf Afrikanern auf dem Fußballplatz stand. Mit der Sprache war es zwar nicht so einfach, weil drei von ihnen neben ihren afrikanischen Sprachen eigentlich nur Arabisch sprachen, aber beim Sport geht es eben auch ohne viele Worte. Ähnlich erleuchtend fand ich einen anderen Termin, an dem auch wieder die drei arabisch sprechenden Fußballer teilnahmen. Diesmal war aber ein Asylbewerber dabei, der als einer der ersten ein Teil unserer Fußballmannschaft geworden war und als Iraker ins Arabische übersetzen konnte. In diesem Moment war ich ganz einfach von der Tatsache fasziniert, dass sich uns und mir ein Teil der Welt und Menschheit erschlossen hat, der bisher als sehr weit weg und unnahbar erschien.

Sicher, Englisch, Französisch und vielleicht noch Spanisch konnte immer schon jemand in unserem Verein sprechen. Erst jetzt ist es aber selbstverständlich geworden, dass ich Menschen kenne, die ins Arabische, Russische, Ukrainische, Persische, Türkische und Kurdische sowie in diverse afrikanische Sprachen übersetzen können. Doch nicht nur deswegen sind die Asylbewerber für unseren Verein meiner Meinung nach ein großer Gewinn. Ich kann nicht für andere sprechen, aber zumindest in mir ist das kleine Fünkchen Rassismus, das allgemein hin als Vorbehalte oder Vorurteile bekannt ist, erloschen – wenn es denn überhaupt irgendwann glimmte.

Selbstverständlich war es dann schließlich auch – und ich gestehe, dass es das vielleicht nicht immer gewesen wäre –, dass ich mit meiner Frau eine ihrer ugandischen Bekannten ins Schwimmbad begleitete. Ihr vier Jahre alter Sohn ging mit mir in die Umkleidekabine und die Dusche. Es war einfach nur süß, wie er ehrfürchtig alles nachmachte, was er bei mir sah. Nicht so süß war es, dass ich bemerkte, dass es keine Selbstverständlichkeit in Deutschland ist, dunkelhäutig zu sein.

Falls ihr die Zeit habt, empfehle ich euch, dieses Video (auf Englisch) anzuschauen, da es veranschaulicht, wie subtil und weit verbreitet Rassismus ist – und wie man genau das sichtbar macht. 

 

Ein viel größeres Thema ist die Diskriminierung solcher Menschen natürlich in den Vereinigten Staaten von Amerika. Gern verweist die regierende weiße Kaste dann darauf, dass dunkelhäutige Menschen doch gleichberechtigt wären. Eine Aussage, die oft auf Ignoranz fußt, denn tatsächlich verstehen die Wenigsten von uns, was es bedeutet, auf Grund von körperlichen Merkmalen schräg angesehen zu werden. Merkwürdig und gleichzeitig erhellend war es daher für mich zu erfahren, wie sich die Wahrnehmung von mir als Person in den Augen anderer Menschen ändert, wenn ich in einem Schwimmbad ein dunkelhäutiges Kind auf dem Arm trage.

Ich gehe sogar davon aus, dass er es nicht böse gemeint hat, aber trotzdem war ich von der Aussage eines alten Deutschen in der Dusche befremdet, als er zu meinem kleinen Begleiter sagte: „Du siehst ja aus wie Schoko – Anders als dein Papa!“ „Ich bin nicht der Papa!“, beeilte ich mich klarzustellen (Warum eigentlich?). Als ich im Nachhinein darüber nachdachte, missfiel mir dieses Verhalten immer mehr. Warum muss man dem kleinen Jungen denn einreden, dass er anders ist und ihm suggerieren, dass er nicht der Norm entspricht?

Ich kann mir kaum vorstellen, wie frustrierend das Leben von deutschen Eltern sein muss, die ein dunkelhäutiges Kind adoptiert haben; oder von Dunkelhäutigen, die Deutsche sind. „Wo kommen Sie her?“ „Aus Deutschland!“ „Das meine ich nicht. Wo wurden Sie geboren?“ „In Osnabrück!“ „Ja, gut, aber wo kommen denn ihre Eltern her?“ „Aus Namibia.“ „Sehen Sie, das habe ich gemeint.“ (So oder so ähnlich zu hören auf deutschen Straßen…) Aha. Als ob ein dunkelhäutiger Mensch nicht selbst wüsste, dass seine Vorfahren vor kürzerer Zeit aus Afrika nach Europa gekommen sind als die des weißen Mannes (die irgendwann auch aus Afrika kamen). Was wir Deutsche dabei gerne vergessen ist, dass man seine Hautfarbe nicht in wenigen Generationen verliert – und dass sie rein gar nichts darüber aussagt, welcher Nation man angehört. Tatsächlich ist genau diese Ignoranz aber ein deutliches Zeichen von Rassismus, den wir gerne von uns weisen. Gut möglich, dass der Name von SPD-Spitzenkandidat Muchtar Al Ghusain bei der letzten Bürgermeisterwahl in Würzburg ausschlaggebend dafür war, dass der Kandidat der CDU gewählt wurde.

Xenophobie ist den Deutschen nicht eigen, sondern findet sich überall auf der Welt, aber ein so reiches und aufgeklärtes Land wie das unsrige hat am ehesten die Kapazitäten, um ihr entgegenzutreten, weil sich die meisten Bürger nicht mit elementaren Existenzängsten rumplagen müssen (nicht zu verwechseln mit Konsummangelängsten). Man kann den Umgang der Europäischen Union mit Flüchtlingen geißeln, aber mehr noch sehe ich Deutschland in der Pflicht. Nicht einmal, weil es jahrhundertelang Schauplatz blutiger und zerstörerischer Kriege und damit die Wurzel unermesslichen Leids war, sondern weil mich der unaufrichtige Umgang mit dem Konzept von Hilfe anwidert. Millionen von Deutschen migrierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Tausende kamen aus der DDR vor dem Mauerbau und nach deren Öffnung. Wir sollten selbst wissen, welche Verzweiflung und Angst hinter der Flucht stehen. Immer wieder bekam Deutschland Hilfe durch die internationale Gemeinschaft, um wieder dort hinzukommen, wo es heute steht. Jetzt, wo wir wieder oben sind, sagen wir aber, dass alles uns gehören soll und wir nicht teilen wollen – weil wir uns das verdient hätten?

Unbedingt anschauen: Unser Urteil ist eine Frage der Perspektive – und wird von unserer Kurzsichtigkeit und Arroganz bestimmt.

Falls ihr das nächste Mal durch einen Zaun oder eine Mauer von Flüchtlingen getrennt seid, fragt euch, warum sie auf der einen Seite stehen und ihr auf der anderen. Wenn ihr nicht gerade daran glaubt, dass es höhere Mächte waren, die euch in Zentraleuropa zur Welt kamen ließen, dann müsst ihr zugeben, dass Glück der entscheidende Faktor ist. In der Einsicht in die Notwendigkeit und im Willen zum Hinnehmen der Gegebenheiten begründete Ergebenheit ist die Definition des Duden für Demut. Für mich steckt in dem Wort, dass ich Vorteile, die mir per Zufall entstanden sind, nicht als selbstverständlich hinnehmen und stattdessen an die Menschen denken sollte, die weniger Glück im Leben hatten. Hilfsbedürftigen Menschen zu helfen ist keine Option; es ist eine moralische Verpflichtung.

Fremder, komm rein – Du bist willkommen!

In Deutschland wird oft von einer gescheiterten Integrationspolitik gesprochen, aber selten wird die Frage nach dem Beitrag der einzelnen Bundesbürger gestellt. Nicht am Rande der Gesellschaft werden Ausländer effektiv integriert, sondern in unsere Mitte müssen sie. Die meisten von ihnen würden uns eher nützen als schaden – wenn man ihnen denn die Chance dazu gibt.

Als ich vor mittlerweile zehn Jahren zwei Semester lang im ländlichen Pennsylvania in den Vereinigten Staaten von Amerika am College studierte, lernte ich sehr viel über die USA, Deutschland – und mich selbst. Ganz besonders erinnere ich mich an die vielen Unterschiede, obwohl die Bundesrepublik und das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ im Vergleich zu anderen Regionen der Erde doch sehr ähnlich sind. Offen waren die – das muss man ihnen lassen – meist freundlichen Amerikaner schon, aber andererseits auch unheimlich ignorant. Es fiel mir schwer, Freunde aus dem Inland zu finden, und weil es vielen anderen Ausländern ähnlich ging, verbrachten wir die meiste Zeit miteinander. Uns schlug kein Hass oder Ablehnung entgegen, aber andererseits gaben sich die amerikanischen College-Studenten auch nicht besonders viel Mühe damit, auf uns zuzugehen. Sicher, man hätte von uns als Gast erwarten können, dass die Initiative von uns ausgehen müsste – aber wir waren es doch, die sich in einem fremden Land, in einer fremden Kultur, mit einer fremden Sprache und einem fremden Volk zurechtfinden mussten. Der Punkt ist: Man greift zu kurz, wenn man sagt, die „Gäste“ hätten doch alle Chancen, weil man ihnen nicht feindlich gegenüber steht. Integration oder Verständnis braucht mehr – es braucht das beiderseitige Bemühen, sich näherzukommen.

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Deutschland (links) hatte in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gerade gegen Ecuador (rechts) gewonnen. Die Amerikaner (Mitte) sind beim Fußball eh nur Statisten…

Amerika war mir nicht so fremd wie China oder Somalia; und trotzdem war es nicht einfach, sich sofort anzupassen. Mehr noch, ich empfand es als nicht richtig, mich bedingungslos anzupassen. Kann denn ein Zusammenleben nur funktionieren, wenn man seine eigene Identität aufgibt? Stellen wir uns nun aber einmal vor, ich wäre nach China gegangen, ohne jemals die Sprache gelernt zu haben; stellen wir uns vor, ich hätte dort nicht studiert, sondern wäre auf der Suche nach Hilfe gewesen, da mir in Deutschland eine Gefahr für Leib und Leben drohte; stellen wir uns vor, ich wäre in eine Gesellschaft gekommen, die sich mir gegenüber – freundlich ausgedrückt – distanziert verhielt; stellen wir uns vor, ich wäre auf Grund meiner Vergangenheit traumatisiert und würde dennoch keine psychologische Hilfe bekommen. Wenn meine Integration dort scheiterte, wäre es allein mein Fehler?

Vielleicht könnt ihr euch denken, worauf ich hinaus will. Es ist in Deutschland wieder in Mode gekommen, gegen Ausländer zu hetzen. Besonders irritierend finde ich dabei, dass der aufrichtige Bürger immer wieder das Wort „Willkommenskultur“ betont, welche angeblich von den Ausländern ausgenutzt wird. Was genau ist denn unsere Willkommenskultur? Dass wir Asylverfahren jahrelang nicht bearbeiten und dass wir hilfesuchende Menschen in Massenunterkünften einpferchen? In Deutschland wird oft darüber gesprochen, dass die Integrationspolitik gescheitert ist, aber viel zu selten wird danach gefragt, was der einzelne Bürger getan hat, um das zu verhindern. Wer von den xenophoben Schreihälsen hat einem Zuwanderer die Hand gereicht um ihm zu zeigen, wie es in unserem Land läuft? Wer von ihnen hat den Ausländern das Gefühl gegeben, dass sie willkommen sind? Wer hat etwas dafür getan, dass die Zuwanderer nicht isoliert in unseren Großstädten zusammengesteckt werden, sondern gleichmäßig auf die wohlhabenden Gebiete verteilt werden, also dort, wo man am meisten Kapazitäten dafür hätte, etwas Fremdes einzugliedern? Es ist wie immer: Der Deutsche meckert gerne, möchte selbst aber nichts tun, um dem Missstand entgegenzuwirken, sondern einfach nur Sündenböcke finden. Auffällig ist dabei auch, dass immer die die meiste Vorurteile gegen Ausländer hegen, die den seltensten Kontakt mit ihnen haben.

Schließlich hatte ich auch ein paar amerikanische Freunde gewonnen. Es war kein Zufall gewesen, dass diese selbst im Ausland und daher weltoffener und verständnisvoller gewesen waren. Wenn also jedem, der nicht blind durch die Welt läuft, klar ist, dass der direkte Kontakt der effektivste Weg hin zu einer erfolgreichen Integration ist, warum intensivieren wir nicht solche Bemühungen? Es war genau diese Überlegung gewesen, die mich vor etwas mehr als einem Jahr dazu drängte, nicht weiter nur zuzusehen, sondern etwas zu tun, denn wer behauptet, dass er alleine nichts ändern kann, der ist einfach zu feige, die Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen.

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Viele nette Ausländer: Eigentlich jeder, der ein Zeit lang im Ausland lebt, findet dort Freunde. Warum aber gehen wir mit Ausländern, die zu uns kommen, nicht genauso offen um und unterscheiden per se zwischen guten und schlechten Zuwanderern?

 

Als ich also das erste Mal meine Lebensgefährtin in die Gemeinschaftsunterkunft in Veitshöchheim im Herbst 2013 begleitete, unterhielt ich mich während des gemeinsamen Essens mit ein paar Asylbewerbern. Als Mitglied eines Sportvereins kam mir die Idee, dass man sich vielleicht auf diesem Wege einbringen könnte. Wie erwartet hatten die Flüchtlinge sehr wenige Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Warum sollten sie also nicht zu uns, zu den Freien Turnern Würzburg kommen? Die Idee war geboren, schnell fanden sich in unserem Verein Unterstützer. Ein Umstand, auf den ich durchaus stolz bin, denn ich glaube nicht, dass ein solches Projekt bei jedem Sportverein – gerade im biederen Bayern – möglich wäre. Klar war, dass die Asylbewerber kein Geld hatten. Nachdem wir den Lokalen Aktionsplan Würzburg als Förderer gewinnen konnten, stand unserem Projekt aber nichts mehr im Wege. Offiziell startete „Sport ohne Grenzen“ dann im April 2014.

Das Ziel: Asylbewerber sollen die Chance bekommen, vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied in den sieben Abteilungen unseres Sportvereins (Fußball, American Football, Lacrosse, Tischtennis, Taekwondo, Muay Thai, Gymnastik) werden zu können, ohne zusätzliche Kosten. Dank der eingeworbenen Fördermittel können wir die Kosten für den Nahverkehr, die Mitgliedsbeiträge und die Sportausrüstung erstatten. Davon profitieren beide Seiten: Die Asylbewerber, weil sie wie ein Mensch behandelt werden und die bisherigen Mitglieder, weil sie durch den direkten Kontakt Vorbehalte abbauen und sich selbst ein objektiveres Bild machen können.

Die ersten Wochen verliefen noch recht zäh. Wir versuchten, im Heimcafe, also vor Ort in der Gemeinschaftsunterkunft in Veitshöchheim, ober über Bekannte, die mit Asylbewerbern arbeiten, unser Projekt bekannt zu machen. Beim ersten Mal holte ich Interessenten direkt aus Veitshöchheim ab und brachte sie zum Training, um die erste Hemmschwelle – allein mit dem Nahverkehr zu einem fremden Verein zu finden – zu beseitigen. Oft wartete ich dabei vergeblich, denn trotz Verabredung tauchte niemand auf. Es dauerte aber nicht lange, bis sich die ersten zuverlässigen neuen Mitglieder fanden, die seitdem regelmäßig zu uns kommen. Jetzt, knapp ein Jahr nach dem Beginn des Projekts, gehören zehn Asylbewerber zum Verein, die – und das ist mir besonders wichtig – nicht nur mittrainieren dürfen, sondern auch an den Wettkämpfen teilnehmen.

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Der deutsche Spitzensport lebt von Ausländern. Warum sollten sie auf der Amateurebene etwas Außergewöhnliches sein?

Bekannt machte uns der Fall des Senegalesen Madiama Diop, der beim American Football heimisch wurde. Da er zum Stamm der Mannschaft gehörte dachten wir, es wäre nur eine Formalie, eine Ausnahmegenehmigung von der Residenzpflicht für ihn zu bekommen, damit er an einem Auswärtsspiel in Bamberg teilnehmen könnte. Wie sich herausstellten sollte, war diese Einschätzung zu naiv gewesen. Trotz lauten Protests unsererseits bekam er die Genehmigung nicht – und musste zu Hause bleiben. Daraufhin wurden die Footballer aktiv und suchten den Weg in die Öffentlichkeit, um gegen diesen Irrsinn Sturm zu laufen. Mit Erfolg, denn in ganz Deutschland war Madiama in Zeitungsartikeln, Radio- und Fernsehsendungen ein Thema. Selbst die Vizepräsidentin des Bundestages, Frau Claudia Roth, besuchte uns im Oktober 2014, um unser Projekt kennenzulernen und sagte uns ihre Unterstützung zu. Schließlich – und daran wird auch dieser Fall beteiligt gewesen sein – beschloss die große Koalition die Abschaffung der Residenzpflicht für ganz Deutschland. Doch schon zuvor hatte der öffentliche Druck dazu geführt, dass die zuständige Behörde bei der Regierung von Mittelfranken dem nächsten Ausnahmeantrag stattgab und Madiama am Aufstiegsfinale außerhalb Unterfrankens teilnehmen konnte. Seine Mannschaft gewann und stieg in die Bayernliga auf.

Die meisten Asylbewerber finden sich indes in der Fußballabteilung. Sieben sind es mittlerweile, wodurch es manchmal durchaus Probleme im Trainingsbetrieb geben kann. Die Sprachprobleme sind offensichtlich und in einer Vereinsmannschaft haben die meisten von ihnen auch noch nicht gespielt. Es braucht also viel Geduld und Verständnis, aber man spürt, wie es mit der Zeit besser wird. Der Sport – und davon bin nicht nur ich überzeugt – ist eben einer der einfachsten Wege, einen ungezwungenen Zugang zur Integration zu finden.

Am Ende sind wir mit unserem Projekt noch lange nicht. Zum einen würden wir gerne noch mehr Asylbewerber als neue Mitglieder gewinnen (vor allem in den anderen Abteilungen neben dem Fußball), zum anderen würde ich gerne mehr erreichen als nur sportliche Teilhabe. Es wäre schön, über die eigene Homepage sportohnegrenzen.org ein Netzwerk aufzubauen, bei dem Angebote und Interessen von Asylbewerbern und Unterstützern gebündelt werden, um beispielsweise bei der Jobsuche oder bei der Vermittlung von Sprach-Tandems behilflich zu sein. Desweiteren unternehmen wir mit unseren Mitgliedern ohnehin auch schon viel neben dem Sport. Im Mittelpunkt standen sie z.B., als sie bei einer Veranstaltung der Katholischen Hochschulgruppe Würzburg im November 2014 mit etwa 150 Gästen die Rolle der Köche übernahmen und dafür sehr viel Dank und Lob erhielten.

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Na, wer kann in diesem Bild den Deutschen erkennen?

Warum macht man sich also die Mühe, Zeit und Arbeit in die Hilfe für andere Menschen zu stecken? Ich denke, auf alle ehrenamtlichen Betätigungen trifft das Gleiche zu: Wahre Erfüllung findet man oft in den Dingen, die nicht in erster Linie die eigenen Interessen bedienen. Genau betrachtet ist das aber nicht der Fall, denn der aufrichtige Dank eines Menschen, dem man geholfen hat, gibt uns mehr, als man mit Geld bezahlen kann. Man hilft also nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. Viele der Asylbewerber sind wunderbare Menschen und mir hätte nichts Besseres passieren können, als sie kennenzulernen. Außerdem – und das kommt bei den meisten Mecker-Deutschen zu kurz – nehme ich das, was ich habe, nicht als selbstverständlich hin, sondern bin mir demütig bewusst darüber, im Leben sehr viel Glück gehabt zu haben. Ich betrachte es daher als meine moralische Pflicht, Menschen, die in Not zu uns kommen, nicht abzuweisen. Nicht die Ausländer sind alleine daran schuld, wenn es mit der Integration nicht klappt. Man kann sich nicht darüber beschweren, dass sie nicht an unserer Gesellschaft teilhaben, wenn man ihnen den Zugang dazu so schwer macht.

Es gibt vieles, was in Deutschland falsch läuft, und vieles in Vergangenheit und Gegenwart, für das ich mich schäme. Eines der großen Übel unseres Volkes ist meiner Meinung nach das nicht-gönnen-können. Wir können es nicht ertragen, wenn jemand anderes etwas bekommt, was er unserer Meinung nach nicht verdient hat. Wir verhalten uns alles andere als selbstlos, sind vom Neid zerfressen und treten die so oft beschworenen christlichen Werte mit Füßen. Asylbewerber bekommen bei uns sehr wenig, aber selbst das ist in den Augen der ewig-Verbitterten noch zu viel. Ich bin froh, dass den PEGIDA-Demonstrationen in der Regel größere Gegendemonstrationen gegenüberstehen, aber ich sehe auch die Gefahr, dass die Übergriffe gegen Ausländer weiter zunehmen werden. Um in den Spiegel schauen zu können, sollten wir alle irgendwann einmal Rückgrat beweisen, denn wer dem Schlechten nicht entgegenwirkt, der macht es erst möglich. Meine Freunde heißen nicht mehr nur Thomas, Nils oder Michael, sondern jetzt auch Ahmed, Salam und Yousuf. Sie sind gute, bescheidene Menschen, die einen Zugang zu unserer Gesellschaft gefunden haben, weil wir ihnen die Chance dazu gaben. Was ist hingegen der Beitrag eines gegen Ausländer agitierenden Demonstranten zur Integration? Wir sind multikulturell und können von Ausländern profitieren, wenn wir sie nicht ausgrenzen. Umso eher wir das akzeptieren und wertschätzen, umso eher können wir euch eine funktionierende Integrationspolitik auf die Beine stellen. „Sport ohne Grenzen“ ist nur ein kleiner Anfang, aber es verdeutlicht, was man mit einfachen Mitteln erreichen kann.

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Neue Kulturen, neue Freunde. Ich bin froh, diese Erfahrungen mit diesen Menschen machen zu können.

Rilke hatte es verstanden

Was passiert mit einem Menschen, dem man die Selbstbestimmung verwehrt und dessen Selbstentfaltung man unterdrückt? Wie lange gibt man nicht auf es zu versuchen, wenn man Tag für Tag merkt, dass man nicht vorwärts kommt? Was kann die menschliche Psyche überhaupt aushalten, wenn es keine Zukunft zu geben scheint? Die Asylbewerber, die in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben den beschwerlichen und gefährlichen Weg auf sich genommen haben, um nach Deutschland zu kommen, haben es schlecht. Doch wir – ganz in der Tradition der Herrenmenschen – empfinden uns nach wie vor als etwas Besseres. Zwar urteilen wir die Flüchtlinge mit unseren eigenen Maßstäben ab, mag der ein oder andere sagen und dabei tatsächlich von seiner Aufrichtigkeit überzeugt zu sein. Doch genau das ist völlig unangebracht. Wir haben nämlich keine Ahnung, was die Flucht und dann – endlich angekommen – dieses schreckliche Gefühl des nicht-erwünscht-Seins mit einem Menschen anrichten kann. Wir „halten“ die Asylbewerber unter Bedingungen, die kein Deutscher akzeptieren würde, warten gleichzeitig aber auch auf jeden Ausrutscher, jedes Fehlverhalten, um uns selbst zu versichern, dass unsere Skepsis doch angebracht war und dass eine Abschiebung gerechtfertigt ist. Wir sehen dabei zu, die Tausende Menschen in unserem Land kaputt gehen.

Auch wenn Rainer Maria Rilke mit seinem Gedicht „Panther“ einst wohl tatsächlich von einem Katzentier inspiriert wurde, finde ich seine Worte auch im Bezug auf die Bedingungen, die wir Flüchtlingen bieten, zutreffend, sind sie einigen von uns doch ähnlich egal wie die der Freiheit beraubten Tiere im Zoo. Seine Worte sprechen für sich:

Quelle: http://www.manegefreivontieren.de/pages/info.html

Doch es geht auch anderes. Immer mehr Menschen werden sich ihrer humanitären Verantwortung bewusst und helfen den Personen in unserem Land, denen es mit am schlechtesten geht. Auch wenn in den Medien viel gestellt wird und man das verlinkte Beispiel unten nicht zu euphorisch bewerten sollte, verdeutlicht es einen ganz wichtigen Punkt: Integration an sich ist kein Problem, wenn man es denn ernst meint, offen für das Fremde ist und vor allem wenn man die Ausländer gleichmäßig verteilt, anstatt sie gehäuft in den schlechteren Vierteln der Städte unterzubringen. Viele Schreihälse fordern, dass die deutschen Werte (Welche sind das überhaupt?) nicht verloren gehen dürfen, aber wer von ihnen geht auf die Ausländer zu, macht sie mit unserer Kultur vertraut, mit Geduld und Empathie (Vielleicht könnte man dann lernen, dass Franz Schuberths Musik auch einen Araber berühren und dass auch ein Moslem Faust überzeugend rezitieren kann)? Was wir brauchen, sind weniger Gitterstäbe, damit beide Seite zusammenkommen und verstehen können, wer der andere ist und was für Bedürfnisse er hat.

http://www.tagesschau.de/inland/jugenheim-mainz-integration-101.html

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

Ein Mensch wird Augenzeuge eines Mordes, gerät plötzlich selber in die Schusslinie und flieht vor den Tätern. Fänden sie ihn, müsste er mit Folter oder dem Tod rechnen. Er sieht keinen anderen Ausweg und verlässt die ohnehin als unsicher geltende Gegend und begibt sich ins Ausland, um seinen Häschern zu entkommen.

Ein Familienvater lebt in einer Stadt, die durch einen Jahre währenden Bürgerkrieg zerstört ist und in der ihm und seiner Familie jeden Tag Lebensgefahr droht. In der Hoffnung, einen sichereren Ort für sich, seine Frau und seine beiden Kinder zu finden, verlässt er sein Land. Nun lebt er von seiner Familie getrennt und plagt sich täglich mit Gedanken um ihre Sicherheit.

Ein Mann gehört zu einer unterdrückten religiösen Minderheit und muss vor den Terroristen, die seine Heimat zerstören und Tausende seiner Landsleute töten, fliehen. Seit er den Boden des Landes, in dem er sich momentan aufhält, betreten hat, weiß er nicht, wo seine Familie und seine Frau, die ebenfalls flüchten mussten, sind und ob sie überhaupt noch leben.

Drei Menschen, drei Schicksale, drei Existenzen zwischen Hoffen und Angst. Man könnte meinen, diese Anekdoten entspringen einem Buch oder einem Film oder sonst irgendeiner Fiktion, doch tatsächlich spielen sich diese Dramen hundertfach genau in unserer Mitte ab – und werden dennoch ignoriert. Nicht etwa ausgedacht habe ich mir diese Geschichten, sondern selbst gehört – an einem Tag – von drei verschiedenen Flüchtlingen, die in der Hoffnung um Asyl nach Deutschland, in diesem Fall nach Würzburg, gekommen sind. Sie wollen arbeiten, wollen legal und ehrlich Teil dieser Gesellschaft werden um das zu tun, was jeder von uns in ihrer Situation tun würde: Ihrer leidenden Familie helfen oder sich selbst retten.

Das Dilemma eines Asylbewerbers

Gemessen an dem Leid, dass ihren Weg pflastert, haben Asylbewerber in Deutschland oft einen erschreckend schlechten Ruf, der sich nur durch Ignoranz oder gar Boshaftigkeit unsererseits erklären lässt. Wenn man einen Menschen gesehen hat, der mir Tränen in den Augen von seinen beiden kleinen Kindern und seiner Frau erzählt, die noch immer weit, weit vom sicheren Deutschland entfernt in Gefahr schweben, dann fällt es schwer, ihn wie eine Zahl in einer Statistik zu behandeln. Genau das tun wir mit unserer Wohlstandsdekadenz aber: Wir befassen uns mit Zahlen und Wirtschaftlichkeit – und nicht mit den menschlichen Schicksalen, die dahinter stecken. Dieser Ansatz freilich hat einen großen Vorteil: Zahlen leiden nicht und machen mir so kein schlechtes Gewissen. Würden die Menschen wissen, was hinter den Schicksalen vieler Flüchtlinge steckt, es fiele ihnen schwerer, von Abschiebung zu reden, insofern sie denn ein Herz hätten. Was liegt da also näher als diesen Kontakt so gut als möglich zu vermeiden und die Flüchtlinge abgeschottet von der Allgemeinheit, wo sie sich garantiert nicht sinnvoll einbringen können, unterzubringen?

Doch nicht nur die Gedanken an die unsichere Heimat sind ein Graus, sondern vor allem die psychologische Belastung nicht zu wissen, wie es weitergeht, wenn der Antrag um Asyl monate- oder gar jahrelang nicht bearbeitet wird und wenn die Abschiebung andererseits innerhalb weniger Tage beschlossen und durchgeführt werde könnte und daher einen ständigen Schrecken darstellt. Keiner von uns Deutschen, der nicht weiß, was Krieg, Vertreibung, Diskriminierung und Hunger wirklich bedeutet, sollte sich anmaßen, über Flüchtlinge und ihre Beweggründe zu urteilen – und doch tun wir genau das. Haben die Skeptiker aber Recht, wenn sie davon reden, dass die Asylbewerber zu teuer und zu viele werden?

Die Fakten

Gegen die Asylbewerber werden immer wieder zwei Thesen in den Raum geworfen. Sie kosteten uns einerseits zu viel Geld und gefährdeten andererseits durch ihre große Anzahl die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Durch das Asylbewerberleistungsgesetz fielen 2013 Kosten in Höhe von etwa 1,5 Milliarden Euro an. Was auf den ersten Blick als viel erscheint, erweist sich auf den zweiten als verschwindend gering, belaufen sich allein die geschätzten Verluste für die Bundesrepublik Deutschland durch Steuerhinterziehung auf deutlich höhere Werte. Doch auch ohne Vergleiche wird beim Blick auf die Ausgaben der BRD im Haushaltsjahr 2014 von knapp 300 Milliarden Euro klar, dass die Ausgaben für Asylbewerber einen Anteil von gerade einmal 0,5 Prozent ausmachen. Das Paradoxe daran ist zudem, dass viele von ihnen arbeiten und Steuern zahlen würden, die öffentlichen Kassen entlasten und dem Fachkräftemangel entgegenwirken könnten – wenn sie denn dürften.

Betrachtet man die Anzahl von geschätzten 200.000 Flüchtlingen im Jahr 2014, dann ist auch diese Zahl recht klein, wenn man sie ins Verhältnis setzt. Bei einer gesamtdeutschen Einwohnerzahl von 82.000.000 kommen auf 1.000 Einwohner gerade einmal 2,5 Asylbewerber, also 0,25 %. Bei gleichmäßiger Verteilung würde das für eine Stadt wie Würzburg (etwa 120.000 Einwohner) bedeuten, dass gerade einmal 300 Asylbewerber untergebracht werden müssten. Vor allem sollte man nicht vergessen, dass die Zahl an Asylbewerbern in den 1990er Jahren bereits deutlich höher war – und Deutschland daran trotzdem nicht zu Grunde gegangen ist.

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Quelle: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61634/asyl

 Doch wie sieht es mit der Forderung aus, andere Länder sollten mehr Flüchtlinge aufnehmen, damit Deutschland nicht die alleinige Last trägt? Es stimmt, dass Deutschland in Europa die meisten Flüchtlinge aufnimmt, aber gerne wird dabei vergessen, dass es ja auch das größte Land ist. Um die Leistung zweier Länder miteinander zu vergleichen, reicht es ja auch nicht aus, die Bruttoinlandsprodukte der Schweiz und der USA einfach gegenüber zu stellen. Der einzig objektive Maßstab ist daher der prozentuale Anteil an der Bevölkerung. Würde Deutschland daran gemessen so viele Flüchtlinge aufnehmen wie etwa Schweden, müsste es seine Zahlen verdreifachen. Sehr viel extremere Fälle finden sich im Nahen Osten, beispielsweise im Bezug auf syrische Flüchtlinge. Die Einwohnerzahl der Türkei ist vergleichbar mit der Deutschlands, aber in der Türkei befinden sich 1.000.000 Flüchtlinge allein aus Syrien. Noch mehr syrische Flüchtlinge halten sich im Libanon auf, welcher selbst aber nur eine Einwohnerzahl von gut vier Millionen hat, was hier veranschaulicht wird. D.h., dass der Anteil an Flüchtlingen im Libanon bei 20 bis 25 Prozent liegt. Angewandt auf Deutschland müssten wir also über 20.000.000 Flüchtlinge aufnehmen, um es dem Libanon gleichzutun. Dabei ist der Libanon mit Sicherheit nicht wohlhabender als Deutschland.

Mehr als nur Zahlen

Doch da sind sie wieder, die kalten, leblosen Zahlen, die uns nichts verraten über die persönlichen Schicksale, über Menschen wie du und ich, die gelitten haben und ihre Heimat verlassen mussten. Nicht etwa Abenteuerlust brachte sie nach Deutschland, sondern Verzweiflung und Hoffnung. Wir haben nun die Wahl: Entweder wissen wir es demütig zu schätzen, dass wir ganz einfach Glück gehabt haben, in eine Welt voller Wohlstand und Frieden hineingeboren worden zu sein und geben ein wenig davon zurück, indem wir anderen helfen, die weniger Glück hatten. Oder wir suhlen uns in unserer Ignoranz und Wohlstandsdekadenz und schließen unsere Augen vor dem Leid, dass uns umgibt – und gegen das wir alle etwas tun könnten. Wir alle haben die Möglichkeiten, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, auch wenn wir ihnen nur ermöglichen – so wie bei „Sport ohne Grenzen“ –, durch die Teilnahme an unserem Sportprogramm etwas Freude und Normalität in ihrem Alltag zu haben. Hilfe braucht Zeit, eigenen Antrieb und Geduld, doch man bekommt viel dafür zurück, nämlich ehrlichen Dank und das, was viele Menschen in ihrem Leben vermissen: Sinn. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir anderen Menschen helfen und die Welt besser machen können. Es stellt sich nur die Frage, warum wir es nicht tun. Gerade wir Deutschen haben erfahren, was es bedeutet, nach Kriegen in Notsituationen internationale Unterstützung zu erfahren. Auch wir könnten irgendwann unverschuldet in Not geraten. Würden wir uns dann mit dem zufrieden geben, wenn wir genau das bekämen, was wir momentan für andere zu leisten bereit sind?