Die Freien Turner bei Umsonst und Draußen 2016

Durch unsere Tanzabteilung waren wir in diesem Jahr erstmals beim Umsonst und Draußen vertreten gewesen. Tanzlehrerin Lusine trat mit ihrer Gruppe auf und hatte sichtlich Spaß. Ein Dank geht an dieser Stelle an Standpunkt e.V., das speziell für die Tanzabteilung Geld für Fahrkarten zur Verfügung gestellt hat. Allen anderen Sponsoren, die Sport ohne Grenzen ermöglichen, sei natürlich auch gedankt!

 

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Nackt unter Flüchtlingen

Gegen Ende einer Spielgruppentagung des Bayerischen Fußballverbandes im Kreis Würzburg vor einigen Jahren ergreift einer der anwesenden Vereinsvertreter das Wort. Er berichtet von einem Spiel in der abgelaufenen Saison, bei dem sich einer der eigenen Spieler bei einem Zweikampf das Bein brach. Dem Gegenspieler, dessen türkische Herkunft betont wird, wird dabei keine Absicht unterstellt. Tatsächlich ist die Motivation, die hinter der Äußerung des Vereinsvertreters steht, ein Lob an eben jenen Gegenspieler, auch wenn er nicht anwesend war. Es wäre vorbildlich gewesen, wie er sich anschließend verhalten, wie er sich immer wieder nach dem Wohlergehen des verletzten Spielers erkundigt und wie er ihn im Krankenhaus besucht hätte, um sich zu entschuldigen. Schließlich schloss der Vereinsvertreter mit einer Schlussfolgerung, bei der wir die Stirn runzeln sollten: „Wir haben gemerkt, dass die…die…“ – er suchte nach den passenden Worten – „dass die ganz ok sind…also so wie wir!“ So wurde aus einem intendierten Lob für Menschen mit Migrationshintergrund eine Veranschaulichung von tief verwurzeltem, gesellschaftlich kaum wahrgenommenem Rassismus. Es gibt eben Menschen – und es gibt Türken bzw. Ausländer im Allgemeinen. Dass diese genauso gut oder schlecht wie wir Einheimischen sind, müssen sie erst noch beweisen und wird bis dahin angezweifelt.

Um fair zu bleiben: Xenophobie, also die Angst vor dem Fremden bzw. Unbekannten, betrifft nicht nur Menschen, die weniger weiß und christlich als der nicht existierende Standard-Deutsche sind, sondern auch Deutsche selbst (oder eben jede andere Nation). Als jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik geboren wurde und der bis zu seinem 19. Lebensjahr in Ostdeutschland lebte, wurde mir später in Hessen und Bayern immer wieder deutlich gemacht, dass ich anders und irgendwie nicht gleich war. Witze nannte man es, über Bananen oder fehlende Freiheiten, wenn es doch etwas anderes war: Man fühlt sich selbst besser, wenn man sich in der Ablehnung oder Stigmatisierung einer anderen Gruppe mit anderen vereinen konnte. Doch es braucht nicht einmal den Ossi-Wessi-Konflikt, denn fast jeder, der auf ein Dorf zieht, kennt das Problem: Man gehört meist nicht so richtig dazu. Man ist und bleibt ein Zugezogener, der sich vorbildlicher verhalten muss als alle, die dort aufgewachsen sind.

 

Many Cubans resented the relatively large number of refugees (including 2,500 Jews), whom the government had already admitted into the country, because they appeared to be competitors for scarce jobs.
Hostility toward immigrants fueled both antisemitism and xenophobia. Both agents of Nazi Germany and indigenous right-wing movements hyped the immigrant issue in their publications and demonstrations, claiming that incoming Jews were Communists.

Voyage of the St. Louis

 

Quelle: https://www.washingtonpost.com/news/worldviews/wp/2015/11/17/what-americans-thought-of-jewish-refugees-on-the-eve-of-world-war-ii/

 

Integration ist keine Einbahnstraße

Nun könnte man es Dummheit nennen, dass in unserem Land derzeit so viele Menschen Hass gegen etwas entwickeln, dass sie gar nicht kennen – und auch gar nicht kennenlernen wollen. Doch egal, wie man es nennt, es hat fatale Folgen: Brennende Flüchtlingsunterkünfte, Vorverurteilungen ganzer Volksgruppen und scheiternde Integration durch gegenseitig Ablehnung und Abgrenzung. Das traurige dabei: Fast in jedem deutschen Stammbaum finden sich in der Vergangenheit Flüchtlinge. Es sagt einiges über unsere Natur aus, wenn wir anderen nicht das gönnen, was uns in der Vergangenheit zugutegekommen ist.

„Aber die Flüchtlinge wollen und können sich doch gar nicht integrieren und sie lehnen unsere Werte ab“, schreien dann unisono die Rechtspopulisten, denen man als erstes darauf die Frage stellen sollte, wie viele von ihnen sie persönlich kennen. Integration – das haben nach wie vor noch viel zu wenige Menschen verstanden – ist keine Einbahnstraße.

Eine Reise um die Welt an einem Abend

Freitagabend. Ich warte auf die anderen Fußballer und begrüße bei unserem Sportverein die Mitglieder unserer neuen Tanzabteilung, die zum größten Teil aus Flüchtlingen aus Armenien besteht. Wie immer sind die Frauen gut gelaunt und freuen sich auf das Miteinander. Anschließend lerne ich eine Gruppe syrischer Flüchtlinge kennen, die sich für die Fußballabteilung interessieren. Begleitet werden sie von einem anerkannten Flüchtling aus Äthiopien, der schon länger in Deutschland lebt und sich nun für andere Ausländer einsetzt.

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Nach dem Kicken bin ich mit meiner Frau zum Fastenbrechen – es ist Ramadan – in die neue Flüchtlingsunterkunft im Würzburger Stadtteil Zellerau eingeladen. Dort warten auf uns eine Iranerin, mittlerweile anerkannt und eine gute Freundin, und eine afghanische Familie, die ich zum ersten Mal treffe. Die Wohnung ist klein und eng und dennoch ein Paradies im Vergleich mit anderen Flüchtlingsunterkünften. Sie sprechen kein Deutsch – und doch ist die Atmosphäre angenehm und gastfreundlich. Die Iranerin übersetzt, wenn nötig, ins Persische. Es ist viertel vor zehn, endlich kann die afghanische Familie wieder essen und trinken. Tagsüber war es bis zu 34°C heiß. Wir, die Gäste, bekommen zuerst aufgetischt. Wir sitzen auf dem Boden und essen mit den Fingern. Diese Menschen kennen uns nicht, sie sind arm, denke ich mir. Trotzdem sind sie beseelt von dem Gedanken, mit uns das Wenige zu teilen, was sie haben. Da wir vegan leben, haben sie auch darauf Rücksicht genommen und für ihre Verhältnisse ungewöhnlich gekocht. Der Schwager der Iranerin, selbst Afghane, kommt hinzu. Immer wieder rennen kleine Kinder an der offenen Tür vorbei, schauen neugierig hinein und begrüßen uns. Niemand scheint Angst oder Vorbehalte zu haben. Alle fühlen sich wohl.

Die Notwendigkeit der Provokation

Während die beiden Söhne ihren Weg zur Moschee antreten, folgen Gespräche über Politik und die Stellung der Frau. Warum? Weil es wichtig ist zu vermitteln, wofür man selbst steht und was im Allgemeinen in der Gesellschaft akzeptiert wird. Niemand fühlt sich angegriffen oder belästigt, da wir nicht belehren, sondern argumentieren wollen. Warum soll sich die Frau verschleiern? Warum erledigt der Mann nicht auch die Arbeiten zu Hause? Warum ignorierst du das religiöse Rauchverbot, bestehst aber auf anderen Einschränkungen? Die Antworten – wie soll es bei religiös bedingten Verhaltensweisen auch anders sein – sind dürftig und unbefriedigend. Doch die Fragen erfüllen ihren Zweck, denn sie bringen die Beteiligten zum Nachdenken. Wichtiger noch: Sie kommen von Frauen, die sich weder verschleiern noch hinter ihren Männern verstecken müssen. Ein stärkeres Signal kann es nicht geben. Ich spreche nicht für meine Frau. Sie spricht für sich (was leider auch nicht bei allen Deutschen selbstverständlich ist).

Der Islam in Europa - Karikatur

Schließlich können wir so weit gehen und erwähnen, dass die Frauen immer das stärkere Geschlecht sind. Wenn Flüchtlingsfamilien nach Deutschland kommen, sind die Männer meist die ersten, die in Depressionen verfallen. In der Heimat hatten sie das sagen und verdienten das Geld. Nun sind sie nutzlos. Für die Frauen hat sich aber nicht viel geändert. Sie müssen nach wie vor den Haushalt führen, sich um die Kinder kümmern und die Familie zusammenhalten. Scheiterten sie, hätte die ganze Familie ein Problem. Doch im Gegensatz zu den Männern machen sie weiter. Unabhängig davon steht im Koran geschrieben, dass Frauen sich bedecken sollen, um sich selbst zu schützen, denn (muslimische) Männer könnten sich sonst ob der Entblößung weiblicher Reize nicht kontrollieren. Die Männer hingegen müssen sich nicht verschleiern, denn – und das verschweigt der Koran anscheinend – Frauen sind stärker und haben sich unter Kontrolle. Wahrscheinlich wissen die Männer das auch – und müssen sie sich deshalb gefügig halten.

Stille. Etwas hilflos sucht der Mann nach Rechtfertigungen. Solche Argumente – und das merke ich immer wieder – sind ihm noch nicht begegnet, da in den oft streng religiösen Heimatländern der Muslime die Lehren des Korans nicht angezweifelt werden. Und genau das müssen wir tun: Menschen aller Glaubensrichtungen herausfordern und ihre Überzeugungen in Frage stellen, aber eben nicht als Vorwurf, sondern als Frage. Dabei hilft es natürlich, wenn man so wie ich den Koran selbst gelesen hat. So weiß ich auch, dass es durchaus nachvollziehbar ist, wenn sich islamische Terroristen auf den Koran beziehen. Diese heilige Schrift mag einzigartig darin sein, dass sie den Gläubigen eine Belohnung in Aussicht stellt, wenn sie im Kampf für Allah gegen die Ungläubigen sterben. Auch dieser Hinweis kann gemäßigte Muslime dazu bringen, über ihren eigenen Glauben nachzudenken.

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Nackt unter Flüchtlingen

Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht, als mich der afghanische Gastgeber darauf aufmerksam macht, dass mir ja eine Massage versprochen wurde. Ich ziehe mich also bis auf die Hose aus und lege mich auf den Boden. Seine Frau verlässt den Raum bevor ich erklären kann, dass mit eine solche Ungleichbehandlung (immerhin sind noch zwei andere Frauen im Raum) nicht passt. Der Gastgeber beginnt mit seiner recht derben, aber dennoch angenehmen Massage. Als es um meine Beine geht, ziehe ich auch die Hose aus. Die Stimmung ist gut, hinter meinem Rücken wird gescherzt. Schließlich macht mir der Masseur durch die Übersetzer klar, dass ich in die Dusche steigen soll. „Zum Abwaschen?“ „Nein, zum Massieren…“

Da sitze ich nun also, nackt in einer fremden Dusche, während mir ein fremder Mann meinen Kopf massiert. Mir ist nicht ganz klar, wie ich mich fühlen soll, als er mich anschließend abduscht. Selbst das abtrocknen übernimmt er. Widersprechen kann ich eh nicht, da er mich auch gar nicht verstehen würde. Dann sind wir fertig – nach einer knappen Stunde. Inzwischen ist es halb zwei. Die Anwesenden sind müde, würden das den Gästen gegenüber aber nie artikulieren. Inzwischen ist auch der Mann der Iranerin, ein Freund von mir, nach dem Ende seines Arbeitstages angekommen. Wir reden ein wenig miteinander. Ob ich mal mit ihm in die Disko gehen würde? Klar, aber nur, wenn seine Frau das auch dürfte…

Gegen zwei Uhr morgens zieht ein Gewitter auf und wir gehen besser, bevor der Regen einsetzt. Die Atmosphäre ist nach wie vor angenehm und herzlich. Was an Essen noch übrig ist, wird uns mitgegeben. Auch wenn es nicht das erste Mal ist, so überrascht mich diese Gastfreundschaft der Flüchtlinge immer wieder aufs Neue positiv, da ich zu viele verbohrte Deutsch gewöhnt bin. Die Iranerin umarmt mich zum Abschied – was noch vor einem halben Jahr undenkbar gewesen wäre. Es ist offensichtlich, dass diese Menschen – unsere Freunde – dabei sind, in Deutschland anzukommen und das wir als Einheimische eine große Rolle dabei spielen.

Wovor haben wir Angst?

Nach einem Tag also, an dem ich mehr Zeit mit Flüchtlingen als mit Deutschen verbracht habe, sitze ich nun also am Computer und stelle mir diese eine Frage: Wovor haben wir eigentlich Angst? Wenn ich mich nackt in der Dusche von einem fremden Ausländer massieren lassen kann, ist es dann wirklich zu viel verlangt von anderen Deutschen, einen sehr viel kleineren Schritt auf die Flüchtlinge zuzugehen? Sie kommen nicht in unser Land mit feindlichen Absichten, sondern auf der Suche nach Frieden, Freiheit und Wohlstand. Ja, sie sind anders, aber „fremde Erde ist nur fremd, wenn der Fremde sie nicht kennt.“ Ob wir wollen oder nicht – Deutschland wird sich in den nächsten Jahren verändern und vielfältiger werden. Wir können das als Bedrohung wahrnehmen oder als Chance. Ich für meinen Teil habe meine Wahl bereits getroffen.

„Fremde Erde ist nur Fremd, wenn der Fremde sie nicht kennt.“