Zwischen Idealismus und Realität

Einmal mehr steht Europa nach den jüngsten Terroranschlägen in Brüssel vor der Frage, ob das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen, Religionen und Ethnien möglich ist. Was sollte unsere Antwort auf die Ereignisse in Belgien sein? Abschottung? Komplettüberwachung aller Bürger? Erzwungene Integration? Expertenmeinungen finden sich nach solchen Ereignissen viele. Was oft nicht erwähnt wird ist, was jeder einzelne Bürger dazu beitragen kann, um die Teilung einer Gesellschaft, die solchen Hassverbrechen vorausgeht, zu verhindern. Der Sinn dieses Beitrags soll nicht die Klärung der Schuldfrage, die Suche nach Ursachen oder der Vorschlag für globale Lösungen sein, sondern stattdessen ein möglichst reflektierter Blick auf meine Erfahrungen bei meiner Arbeit mit Flüchtlingen und meinen Umgang mit Ausländern in Deutschland.

Gut genug für die Arbeit, zu unerwünscht für die Integration

Als Europa und speziell Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern lag, war noch nicht abzusehen, dass sich die Bundesrepublik in nur wenigen Jahrzehnten erneut zur (wirtschaftlichen) Großmacht aufschwingen würde. Gerne blickt die ältere Generation hierzulande auf das sogenannte Wirtschaftswunder zurück und spricht mit Stolz davon, wie sie, die Deutschen, die eigene Heimat wieder aufgebaut hätten. Ein zutreffender und doch gleichzeitig unaufrichtiger Verweis auf die erbrachten Leistungen. Zum einen profitierte Deutschland davon, dass es von den Siegermächten (die in Zeiten des Kalten Krieges und der Absatzsteigerung im Ausland zweifelsohne auch eigene Interessen verfolgten) nicht seinem Schicksal überlassen, sondern möglichst schnell wieder aufgebaut wurde. Hätte das Ausland nicht geholfen – wo würden wir heute stehen? Zum anderen vergisst man bei nostalgischen Wiederaufbaugeschichten gerne, dass Millionen von Menschen dabei geholfen haben, oft ohne die dafür angebrachte Anerkennung zu genießen: Ausländer. In den 1950er und 60er Jahren verabschiedete die Bundesrepublik Deutschland mehrere Anwerbeabkommen mit anderen Staaten wie etwa Italien, Griechenland, der Türkei und Jugoslawien. Das Ziel war, zeitlich befristet Gastarbeiter ins Land zu holen, die beim Aufbau Deutschlands mithalfen. Sie waren also gut genug, um für uns zu arbeiten, sollten danach aber bitteschön schnellstmöglich wieder verschwinden.

Es ist fast überflüssig zu sagen, dass es anders kam. Viele der Gastarbeiter wurden in Deutschland heimisch, gründeten Familien und hatten nicht vor, in ihre einstige Heimat zurückzukehren. Da die Deutschen sie aber oft nicht als ihresgleichen, sondern eben nur als Gäste, die irgendwann wieder gehen sollten, betrachteten, krankte das Miteinander. Statt Integration kam es oft zur Segregation, die langfristig dazu führte, dass sich die Ausländer als nicht Deutsch und untereinander wohler fühlten, was vor allem in Großstädten zu gewissen Bevölkerungsverteilungen – deutsch auf der einen, ausländisch auf der anderen Seite – führte. Verschärft wurde diese Trennung durch die Ende der 1980er beginnende Politik unter Bundeskanzler Helmut Kohl, bei der es darum ging, Russlanddeutschen die Rückkehr in ihre „Heimat“ zu ermöglichen. Das Problem: Viele von ihnen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auf russischem Gebiet geboren, sprachen dementsprechend kein Deutsch und waren manchmal nur durch ein veraltetes Verständnis von Volkszugehörigkeit mit den Deutschen verbunden. Dennoch konnte sie ohne Sprachtest nach Deutschland kommen und ihre Einbürgerung beantragen. Die Folge: Noch mehr Separation und Ausgrenzung, noch weniger Kontakt mit den Einheimischen. Deutschland wiederholte die gleichen Fehler, die in anderen Ländern auch begangen wurden und sah der Ausbildung von Parallelgesellschaften mehr oder weniger tatenlos zu.

Haben wir aus unserer Vergangenheit gelernt?

Mit der Zuwanderung von über einer Million Flüchtlingen, größtenteils Araber, im Jahr 2015 kommt nun eine andere, aber nicht ganz neue Herausforderung auf die Bundesrepublik zu. Die entscheidende Frage ist: Wird die Integration diesmal besser gelingen? Tatsächlich ist genau das der Punkt, zu dessen Gelingen jeder einzelne Bürger beitragen kann. Wir können die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und den Untergang des Abendlandes – was auch immer das sein soll – herbeischreien. Oder wir können anpacken und dazu beitragen, dass Deutschland in der Zukunft vielfältiger, aber nicht gespaltener ist.

Ein Übel namens Toleranz

Vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die ich in den letzten beiden Jahren während meiner Arbeit mit Flüchtlingen gewonnen habe ist, dass zu viel Toleranz schadet und eben nicht zur Integration, sondern zur Parallelgesellschaft führt. Die meisten Flüchtlinge haben sich nicht freiwillig dazu entschieden, ihr Land zu verlassen, aber sie haben sich freiwillig dazu entschieden, nach Deutschland zu kommen und nicht in einem islamischen Land ihr Glück zu versuchen. Es kann daher kein Argument dafür geben, bestimmte Grundsätze unseres täglichen Lebens abzulehnen.

Im Vergleich mit den Ländern, aus denen die meisten Flüchtlinge kommen, sorgen in den Zielländern meiner Meinung nach zwei Umstände dafür, dass wir eben nicht auch im Krieg, sondern in Frieden miteinander leben können. Der erste wichtige Punkt ist die Gleichberechtigung der Frau, denn es ist mittlerweile gut belegt, dass es einer Gesellschaft insgesamt besser geht, je besser die Stellung der Frauen in ihr ist. Der zweite Punkt ist die Säkularisierung, also die Trennung von Staat und Kirche, die dazu führt, dass jeder seiner eigenen Religion nachgehen kann, die aber auch dafür sorgt, dass die Jahrtausende alten Texte unsere Rechtsprechung und unsere Akzeptanz von allem, was anders ist, nicht dominieren. Diese beiden Grundwerte zu verteidigen muss meiner Meinung nach oberste Priorität haben.

Es ist geradezu eine Schande, wenn ein souveräner Staat seine Grundsätze verrät, nur weil er religiösen Fundamentalisten nicht vor den Kopf stoßen möchte, wenn also beispielsweise die Statuen nackter Menschen in Rom abgedeckt werden, nur weil ein Vertreter aus dem Iran zu Gast ist. Genauso ist es eine Schande, wenn deutsche Rechtsprechung die zeremonielle und unnötige Verletzung von hilflosen kleinen Kindern (Beschneidung) erlaubt, um die Religionsfreiheit nicht einzuschränken. Kinder sind kein Eigentum, sondern haben Rechte – und fordern wir nicht genau das Gleiche, wenn es um die Gleichberechtigung der Frau im Islam geht?

Was wir also tun sollten

Wie soll ein Flüchtling lernen, was zur Integration in Deutschland dazugehört, wenn wir immer wieder für Ausnahmen sorgen? Jedem Menschen, der in Deutschland lebt, muss klar sein, dass Integration ohne das Beherrschen der Sprache nicht funktionieren kann. Wir müssen also einerseits dafür sorgen, dass bezahlbare Möglichkeiten des Spracherwerbs bestehen und andererseits darauf bestehen, dass diese auch wahrgenommen werden. Wir müssen es schaffen, dass die Kinder der Flüchtlinge so schnell wie möglich unsere (entsprechend geförderten) Kindertagesstätten und Schulen besuchen, denn umso jünger die Menschen sind, umso einfacher und schneller kann die Integration gelingen. Wir müssen es schaffen, den Flüchtlingen Zugänge zur Gesellschaft im Bereich Sport, Musik, Kultur, etc. zu ermöglichen. Wir müssen ihnen ermöglichen, etwas Sinnvolles mit ihrer Zeit zu tun, also zu arbeiten. Wir müssen den direkten Kontakt suchen, um ihnen beizubringen, was in unserem Land ok ist und was nicht. Wir müssen sie über Regeln und Rechte aufklären. Wir müssen als Vorbilder dienen. Wir müssen ihnen eine Chance geben und dürfen sie nicht mit kritischeren Maßstäben bewerten als wir sie bei Deutschen anwenden würden. Wir müssen andererseits aber dafür sorgen, dass Menschen, die der Gesellschaft schaden, entsprechend bestraft werden, was Abschiebungen nicht ausschließt. Das Wichtigste aber ist: Wir müssen sie ernst nehmen und ihnen das Gefühl geben das zu sein, was sie auch sind: Menschen. Nicht Flüchtlinge oder Ausländer oder Moslems sondern Menschen – genauso wie wir.

Was wir nicht tun sollten

Oft kommen Flüchtlinge mit falschen Erwartungen nach Deutschland, die dann auch noch erweitert werden, wenn übereifrige Helfer diesen Menschen jede Verantwortung und Selbstständigkeit aberziehen. Wenn wir es tatsächlich schaffen, Flüchtlinge fair und gleichberechtigt zu behandeln, dann muss man ihnen auch vermitteln, dass sie für bestimmte Dinge selbst verantwortlich sind und auch in Deutschland nicht alles vom Himmel fällt. Wenn sie Termine haben, müssen sie pünktlich sein. Man sollte nicht auf sie warten. Wenn wieder einmal ein Gerät durch falschen Gebrauch kaputt gegangen ist, dann sollte man es nicht unbedingt ersetzen. Wenn Hilfen als selbstverständlich betrachtet und nicht mit Dank gewürdigt werden, dann sollte man sie einstellen. Wenn Männer der Meinung sind, sie würden nicht auf Frauen hören oder ihnen nicht die Hand schütteln, dann sollten man sie gleich wieder nach Hause schicken. Wenn sie der Meinung sind, Frauen im Allgemeinen wären nicht gleichberechtigt und dürften nicht frei entscheiden, was sie tun und lassen können, dann muss man ihnen mit aller Entschiedenheit klar machen, dass eine solche Einstellung in Deutschland nicht akzeptabel ist. Wenn andererseits eine Frau der Meinung ist, kein Mann außer ihr eigener dürfte sie in der Öffentlichkeit unverschleiert sehen, dann muss man auch ihr klar machen, dass Frauen in Deutschland frei sind. Wenn man mitbekommt, dass Frauen oder Kinder geschlagen werden, dann sollte man das der Polizei melden und es nicht als kulturellen Unterschied hinnehmen. Genauso falsch wäre es, auf das Essen von Schweinefleisch oder das Trinken von Alkohol in Anwesenheit von Moslems zu verzichten. Falsch wäre es auch, Staaten oder Religionen nicht zu kritisieren oder zu parodieren, nur weil man meint, einem anderen Menschen damit vor den Kopf zu stoßen. Allerdings haben auch noch nicht alle Deutschen begriffen, dass Meinungsfreiheit auch das Recht beinhaltet, jemand anderen und seine Überzeugungen zu beleidigen, ohne das deswegen ein Streit ausbrechen müsste. Kurz: Damit Integration gelingen kann, kann man nicht nur etwas bieten. Man muss auch etwas fordern.

Tanz auf der Rasierklinge

Wo genau aber soll man nun ansetzen? Tatsächlich braucht es für die Entscheidung, was tolerierbar ist und was nicht, viel Fingerspitzengefühl. Im Endeffekt versuche ich mich im Allgemeinen daran zu orientieren, welche Verhaltensweisen gegen meine eigenen, humanistischen Werte verstoßen. Ein homosexueller Mensch wird mein Leben und die Werte, die ich verteidige, nicht beeinflussen. Anderen Menschen entsteht kein Nachteil aus seiner Partnerwahl. Welchen Grund sollte es also geben, ein Problem mit seiner Sexualität zu haben? Genauso berührt es mich und andere Menschen nicht, wenn ein Moslem sich dazu entschließt, im Ramadan tagsüber nichts zu essen. Oder wenn er kein Alkohol trinken möchte. Oder wenn es für ihn nicht üblich ist, nach dem Sport mit den anderen zusammen zu Duschen und er es deshalb lieber zu Hause macht. Es spielt für mich auch keine Rolle, zu welchem Gott ein Mensch betet, da für mich alle Religionen gleichermaßen eine Beleidigung für den menschlichen Verstand sind. Falls ein religiöser Mensch aber der Meinung ist, dass seine Überzeugungen das Leben anderer Menschen beeinflussen sollten, dann finde ich das nicht tolerierbar. Nicht tolerierbar finde ich auch Meinungen, die Frauen, Ethnien, Kindern, Nationalitäten, etc. die Gleichberechtigung absprechen. Tolerierbar sind hingegen andere Kleidung, Musik, Tänze, Lieder, Spiele, Mahlzeiten, usw. Das schwierige daran ist meiner Meinung nach, dass es DEN oder DIE Deutschen/Deutsche nicht gibt. Wenn wir also der Meinung sind, dass ein Ausländer etwas tun oder lassen sollte, dann müssen wir gut darüber nachdenken, ob es uns nur um unsere eigenen Ansichten und Meinungen geht, oder ob es tatsächlich um gesellschaftlich akzeptierte und notwendige Normen geht.

Nur Mut! Sie beißen nicht!

Ich habe für mich selbst festgestellt, dass die Umsetzung angemessener Forderungen und Förderungen von einem entscheidenden Punkt abhängt: Direkter Kontakt. Wir müssen die Flüchtlinge kennen und verstehen, um gezielt mit ihnen umgehen zu können. Gerne flüchten sich Zuwanderungskritiker in Floskeln wie: „Die werden sich nie anpassen!“ Doch wie viele von uns haben bisher den Kontakt zu solchen Ausländern gesucht, um ihnen vorwurfsfrei näher zu bringen, was unsere Gesellschaft ausmacht? Aus meiner eigenen Erfahrung heraus kann ich sehr wohl sagen, dass Flüchtlinge, zu denen man ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, sehr gut zuhören, wenn man ihnen sagt, was akzeptabel ist und was nicht. Viel wichtiger dabei ist aber, dass sie sich durch den Kontakt als Mensch ernst genommen und nicht unerwünscht fühlen. Genau das ist die Grundlage von Integration. Lasst uns Menschen wie Menschen behandeln und verzichtet so oft wie möglich auf entzweiende Kategorisierungen. Im Gegensatz zu anderen Staaten ist es in Deutschland nach wie vor so, dass ein Mensch, der nicht einem bestimmten, weißen Ideal entspricht in der Regel als nicht Deutsch eingestuft wird. Wäre es nicht schön, wenn wir eines Tages nicht mehr von DEN Türken, DEN Russen, DEN Arabern, etc., sondern einfach nur von UNS sprechen könnten?