Wenn die Wahrheit zum zweifelhaften Gut wird

Was manche Menschen Deutschen wie mir, die sich für Flüchtlinge engagieren, vielleicht manchmal vorwerfen ist die undifferenzierte Befürwortung von allem, was gerade von Außen nach Deutschland dringt. Zum einen verfehlt diese Behauptung den Kern der ehrenamtlichen und idealistischen Hilfe, in dem es darum geht, Menschen zu helfen, die Hilfe bedürfen – Deutschen also genauso wie Ausländern. Zum anderen bin ich natürlich der Meinung, dass wir bestimmte Anforderungen an Zugereiste stellen und diese auch durchsetzen müssen. Die Vertuschung der Straftaten von Ausländern in der Öffentlichkeit ist destruktiv, da sie die Glaubwürdigkeit des Senders der Information untergräbt. Stattdessen brauchen wir einen offenen und ehrlichen Umgang damit, zudem auch das Relativieren gehört. Nur wenn wir etwas in Relationen betrachten, können wir objektive und nicht emotionale Entscheidungen treffen.

Wenn wir also von sexuellen Übergriffen durch Ausländer sprechen, dann müssen wir das Gleiche auch bei den entsprechenden Straftaten tun, die durch Deutsche verübt werden. Gerade das Thema sexuelle Gewalt und Unterdrückung wird hierzulande aber schon seit jeher totgeschwiegen und meiner Meinung nach stark unterschätzt. Wenn Ausländer systematisch stehlen, dann muss man das thematisieren und ahnden, darf dann andererseits die Steuerhinterziehung von Deutschen und Großkonzernen, die dem Staat in ungleich größerem Maße schadet, nicht unter den Tisch kehren oder zum Kavaliersdelikt verharmlosen. Wenn eine Täterbeschreibung die Hautfarbe oder vermeintliche Herkunft eines Menschen erwähnt, dann muss dies immer geschehen und nicht nur dann, wenn es Personen betrifft, die nicht typisch deutsch aussehen. Wenn ein Ausländer sich weigert, die deutsche Sprache zu erlernen, dann muss es Sanktionsmechanismen geben, aber man kann niemandem fehlende Bereitschaft vorwerfen, wenn es gar nicht genügend bezahlbare Deutschkurse gibt. Wenn es in Sammelunterkünften zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Asylbewerbern kommt, dann muss man auch darüber berichten, dabei aber auch ab und zu die unglaublich schweren psychologischen Belastungen thematisieren, die mit dem Asylverfahren einhergehen und die uns allen schwer zu schaffen machen würden.

Natürlich brauchen wir einen offenen Diskurs und nicht jeder, der gegen den aktuellen Kurs der deutschen Regierung ist, ist ein Nazi. Wer aber verallgemeinert und Schlüsse auf Grund von Herkunft und Aussehen zieht, der ist ein Rassist – und wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir diese nicht auch als solche bloßstellen. Besonders unaufrichtig ist es, wenn jemand lügt, nur um gegen eine bestimmte Gruppe hetzen zu können. Gerade im Bezug auf Flüchtlinge sind viele Halbwahrheiten oder eben Lügen im Umlauf. In solchen Situationen erweisen sich die allgegenwärtigen sozialen Netzwerke online als Fluch, denn wer macht sich noch die Mühe, Behauptungen zu überprüfen? Gerade das ist aber wichtig, um objektiv urteilen zu können, weshalb diese Karte dabei helfen kann, wahre von erfundenen Meldungen über Straftaten von Flüchtlingen zu unterscheiden:

http://www.sueddeutsche.de/digital/falschmeldungen-im-internet-diese-karte-entlarvt-geruechte-ueber-fluechtlinge-1.2856642

Außerdem gibt es hier noch einen meiner Meinung nach hervorragend differenzierten Artikel eines Bundesrichters zu den Vorfällen in Köln zu Silvester. Lang aber absolut lesenswert!

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2016-01/sexmob-koeln-kriminalitaet-strafrecht-fischer-im-recht/komplettansicht