Neues von „Sport ohne Grenzen“

In einem Teil Deutschlands, in dem man nur sehr wenige Ausländer und noch weniger Moslems findet, gehen besorgte deutsche Bürger genau gegen diese Menschen auf die Straße. Das gleiche Muster zeigt sich auch auf vielen anderen Ebenen: Umso weniger Kontakte bestehen, umso größer sind die Vorbehalte. Genau das ist einer der Grundgedanken von „Sport ohne Grenzen“, nämlich durch den direkten Kontakt Ängste zu nehmen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Lässt man es nämlich zu, die Asylbewerber kennenzulernen, dann merkt der ein oder andere Mensch auch, dass es sich um gute Menschen handelt, die uns deutlich mehr bringen als sie uns kosten (egal auf welcher Ebene) – wenn sie denn nur dürfen.

Nur ein Beispiel: Als ich den Arabern Yussuf und Ahmed erzählte, dass ich regelmäßig im Würzburger Klinikum Thrombozyten spende und damit nicht nur Leben rette, sondern auch Geld dafür bekomme, waren sie sofort bereit, dies auch zu tun. Allerdings lehnen sie es ab, dafür bezahlt zu werden. Tatsächlich habe ich bei unseren Kontakten schon oft festgestellt, dass sie für Werte stehen, die bei vielen Deutschen, die ich kenne, schon lange nicht mehr großgeschrieben werden. Bei ihnen erfahre ich eine Gastfreundschaft und Bescheidenheit, die mir das Herz aufgehen lässt.

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Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen. Integration vielleicht auch? Geschmeckt hatte es den Gästen in der KHG auf jeden Fall. Auf dem Bild zu sehen sind von links Tarek, Yussuf, Honest, Stephan, Chris und Ahmed sowie vorne Salam und Justin.

 

Unser Ziel bleibt es also auch weiterhin, so viele Kontakte wie möglich herzustellen, um dadurch den Menschen klarzumachen, wie gerechtfertigt das Anliegen der meisten Asylbewerber ist und was für gute Menschen sie sein können. Eine Gelegenheit dazu bot sich im November bei einer Veranstaltung der Katholischen Hochschulgemeinschaft (KHG), in der Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat zu Gast war. Traditionell wird bei solchen Veranstaltungen der KHG auch ein Essen angeboten, dessen Bezahlung auf Spenden der Gäste beruht. Was würde sich bei einem Abend zum Thema „Kein Mensch ist illegal“ also mehr anbieten, als Asylbewerber landestypisch kochen zu lassen? Unsere Mitglieder waren sofort bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. Vom Andrang an diesem Abend waren die Organisatoren überwältigt, was durchaus als ein gutes Zeichen gewertet werden kann, da es darauf hindeutet, dass sich mehr Menschen bewusst mit dem Thema auseinandersetzen. Das Wichtigste war für mich aber fast, dass die Asylbewerber im Mittelpunkt standen, beachtet und wie gleichwertige Menschen behandelt wurden. Es machte ihnen sichtlich Spaß, das Essen auszuteilen und die Komplimente dafür entgegenzunehmen.

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Auch thematisch war der Abend auf Grund des Vortrags von Alexander Thal äußerst lehrreich. Interessant war dabei auch die Kulisse: Thal sagte ein paar Worte und hielt dann inne. Währenddessen hörte man in verschiedenen Ecken des Saals freiwillige Übersetzer in verschiedensten Sprachen das wiederholen, was gerade gesagt wurde. Eine für mich fast schon bewegende Atmosphäre, weil es zeigte, wie bunt unsere Gesellschaft sein kann, ohne dass auch nur ein Deutscher etwas verlieren würde. Inhaltlich ging es im Vortrag um diverse Aspekte bezüglich Asylsuchender und Flüchtlinge. Da Fakten immer noch die besten Argumente sind, soll an dieser Stelle auf ein paar hingewiesen werden:

  • Auch wenn die Zahl der Asylsuchenden in den letzten Jahren in Deutschland rasant angestiegen ist (2014: ca. 200.000), so darf man nicht vergessen, dass sie Mitte der 1990er Jahre schon sehr viel höher war (in der Spitze über 400.000). Offensichtlich ist Deutschland daran weder zerbrochen, noch ist das Abendland untergegangen.
  • Bei den Hauptherkunftsländern der Asylbewerber findet man unter den ersten zehn Syrien, Eritrea, Afghanistan, Somalia und Irak – alles zweifellos Länder, in denen Krieg und Zerstörung herrscht. Wer angesichts dessen davon spricht, dass die meisten Asylbewerber nur mehr Geld verdienen wollen, der ist entweder furchtbar schlecht informiert oder boshaft. Bei den anderen Ländern handelt es sich hauptsächlich um den Balkan, also um eine Region, die immer wieder durch Bürgerkriege und ethnische Konflikte erschüttert wurde. Angesichts der momentanen relativen Ruhe davon zu sprechen, dass kein von dort kommender Asylbewerber ein berechtigtes Anliegen hat, scheint mir ebenfalls ignorant oder boshaft.
  • 2006 gab es in Bayern 255 Flüchtlingslager, Ende 2014 waren es nur noch gut 180.
  • In einem von der Regierung betriebenen Lager fallen pro Asylbewerber ca. 450 Euro pro Bett und Monat an, bei einer dezentralen Unterkunft gar bis zu 600 Euro. Die Kosten muss die Kommune und damit der Steuerzahler übernehmen. Würden die Asylbewerber ausziehen dürfen, würden die Kosten also sinken, denn man kann davon ausgehen, dass in der Regel nicht 450 Euro pro Person und Monat an Miete anfallen würden. Bayern ist bei der Auszugsregelung, genauso wie bei der Residenzpflicht, aber sehr unflexibel und konservativer als andere Bundesländer.
  • 2015 werden in Bayern endlich fünf weitere (bisher nur zwei) der dringend benötigten Erstaufnahmelager in Deggendorf, Regensburg, Bayreuth, Schweinfurt und Augsburg eröffnet. Der Bedarf war seit langem abzusehen, die Regierung weigerte sich aber, zu handeln.
  • Flüchtlinge unterliegen in den ersten 3 Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland einem strikten Arbeitsverbot. Für die sich anschließenden 12 Monate gilt das sogenannte Nachrangigkeitsprinzip: 1. Schritt: Arbeitsstelle von Arbeitgeber auf einem Formular bestätigen lassen. 2. Schritt: Mit diesem Formular bei der Ausländerbehörde eine Arbeitserlaubnis beantragen. 3. Schritt: Die Ausländerbehörde gibt Formular weiter an die Arbeitsagentur, die dann prüft, ob arbeitslose Deutsche oder EU-Ausländer der Arbeit nachgehen können. 4. Schritt: Nach 6 Wochen Prüfung kann Ausländerbehörde Arbeitserlaubnis erteilen. Nach 15 Monaten erlischt das Nachrangigkeitsprinzip, Arbeitserlaubnisse müssen aber weiterhin bei der Ausländerbehörde beantragt werden

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So wie hier im November in der KHG finden sich immer mehr Menschen, die dazu bereit sind, Asylbewerbern zu helfen. Eine Entwicklung, die Hoffnung macht. Ganz rechts ist Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat zu sehen. 

 

Eine solche Veranstaltung macht noch ein weiteres Ziel des Projekts „Sport ohne Grenzen“ deutlich. Schön wäre es, wenn es in Zukunft nicht nur selbstverständlich wäre, die Asylbewerber am Sportprogramm teilnehmen zu lassen, sondern ihnen außerdem noch in anderen Bereichen des Lebens behilflich sein zu können. Deshalb trafen wir uns vor ein paar Wochen mit Tilmann Gauß, der in Würzburg ehrenamtlich für Amnesty International aktiv ist. Darauf aufmerksam wurde ich durch einen Vortrag zum Thema „Einführung in das Asylrecht“ von Amnesty International, ebenfalls in der KHG. Das Treffen hatte sich durchaus gelohnt, da Tilmann den drei Arabern, die daran teilnahmen, wichtige Hinweise für das weitere Vorgehen geben konnte. Besonders wichtig: Die Erstanhörung ist der wichtigste Schritt im Asylverfahren, auf dem alle späteren Entscheidungen beruhen. Gerade deshalb bietet Amnesty an, die Asylbewerber gezielt darauf vorzubereiten, damit sie eben die bestmögliche Chance auf einen positiven Ausgang des Verfahrens haben. Auch wichtig: Man mag ja meinen, es sei gut zu betonen, dass man in Deutschland nur ehrlich arbeiten und niemandem auf der Tasche liegen wolle, doch gerade das sollte kein Asylbewerber im Verfahren sagen, denn es ist mit dem Stigma des unerwünschten Wirtschaftsflüchtlings behaftet. Eine der kommenden Aufgaben wird es nun sein, mit einem der Asylbewerber eine Lösung zu finden, wie der notwendige Anwalt finanziert werden kann, denn eins machte der Vortrag von Amnesty klar: Selbst als Deutscher ist man von der Vielfalt der Gesetzgebung überfordert. Wie soll es da erst einem Asylbewerber gehen?

Zu guter Letzt noch eine sportliche Meldung. Bei der diesjährigen Würzburger Stadtmeisterschaft im Hallenfußball wurden die Freien Turner Elfter von Achtzehn, was für uns durchaus ein gutes Ergebnis ist. Mit dabei war mit Ahmed Khalidi auch eines unserer neuen Mitglieder, ein Asylbewerber aus dem Irak, der bei der Siegerehrung stellvertretend die Urkunde in Empfang nahm. Noch liegt ein weiter Weg vor uns, aber ich bin guten Mutes, dass es irgendwann selbstverständlich sein wird, dass viele Asylbewerber zur Mannschaft gehören. Ich denke dem Verein und allen Beteiligten, dass sie dieses Projekt erst möglich machen!

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