Rilke hatte es verstanden

Was passiert mit einem Menschen, dem man die Selbstbestimmung verwehrt und dessen Selbstentfaltung man unterdrückt? Wie lange gibt man nicht auf es zu versuchen, wenn man Tag für Tag merkt, dass man nicht vorwärts kommt? Was kann die menschliche Psyche überhaupt aushalten, wenn es keine Zukunft zu geben scheint? Die Asylbewerber, die in der Hoffnung auf ein besseres und sicheres Leben den beschwerlichen und gefährlichen Weg auf sich genommen haben, um nach Deutschland zu kommen, haben es schlecht. Doch wir – ganz in der Tradition der Herrenmenschen – empfinden uns nach wie vor als etwas Besseres. Zwar urteilen wir die Flüchtlinge mit unseren eigenen Maßstäben ab, mag der ein oder andere sagen und dabei tatsächlich von seiner Aufrichtigkeit überzeugt zu sein. Doch genau das ist völlig unangebracht. Wir haben nämlich keine Ahnung, was die Flucht und dann – endlich angekommen – dieses schreckliche Gefühl des nicht-erwünscht-Seins mit einem Menschen anrichten kann. Wir „halten“ die Asylbewerber unter Bedingungen, die kein Deutscher akzeptieren würde, warten gleichzeitig aber auch auf jeden Ausrutscher, jedes Fehlverhalten, um uns selbst zu versichern, dass unsere Skepsis doch angebracht war und dass eine Abschiebung gerechtfertigt ist. Wir sehen dabei zu, die Tausende Menschen in unserem Land kaputt gehen.

Auch wenn Rainer Maria Rilke mit seinem Gedicht „Panther“ einst wohl tatsächlich von einem Katzentier inspiriert wurde, finde ich seine Worte auch im Bezug auf die Bedingungen, die wir Flüchtlingen bieten, zutreffend, sind sie einigen von uns doch ähnlich egal wie die der Freiheit beraubten Tiere im Zoo. Seine Worte sprechen für sich:

Quelle: http://www.manegefreivontieren.de/pages/info.html

Doch es geht auch anderes. Immer mehr Menschen werden sich ihrer humanitären Verantwortung bewusst und helfen den Personen in unserem Land, denen es mit am schlechtesten geht. Auch wenn in den Medien viel gestellt wird und man das verlinkte Beispiel unten nicht zu euphorisch bewerten sollte, verdeutlicht es einen ganz wichtigen Punkt: Integration an sich ist kein Problem, wenn man es denn ernst meint, offen für das Fremde ist und vor allem wenn man die Ausländer gleichmäßig verteilt, anstatt sie gehäuft in den schlechteren Vierteln der Städte unterzubringen. Viele Schreihälse fordern, dass die deutschen Werte (Welche sind das überhaupt?) nicht verloren gehen dürfen, aber wer von ihnen geht auf die Ausländer zu, macht sie mit unserer Kultur vertraut, mit Geduld und Empathie (Vielleicht könnte man dann lernen, dass Franz Schuberths Musik auch einen Araber berühren und dass auch ein Moslem Faust überzeugend rezitieren kann)? Was wir brauchen, sind weniger Gitterstäbe, damit beide Seite zusammenkommen und verstehen können, wer der andere ist und was für Bedürfnisse er hat.

http://www.tagesschau.de/inland/jugenheim-mainz-integration-101.html

Von wegen Fachkräftemangel!

Gerade in einigen handwerklichen Berufen fällt es so manchem Arbeitgeber hierzulande – vor allem im wirtschaftsstarken Bayern – schwer, geeignete Auszubildende oder Angestellte zu finden. Oft bringen aber gerade Asylbewerber geeignete Erfahrung mit, auch wenn sie oft nicht den deutschen Standards entsprechen. An Auffassungsgabe und Engagement mangelt es vielen von ihnen aber nicht, denn sie wollen einfach nur arbeiten und ehrlich ihr eigenes Geld verdienen.

Leider ist das nicht so einfach. Per Gesetz dürfen sie in den ersten drei Monaten ihres Aufenthaltes bei uns nicht arbeiten. In den folgenden zwölf Monaten gilt das Nachrangigkeitsprinzip, sie dürfen auf Antrag des Arbeitgebers also nur eingestellt werden, wenn sich kein geeigneter EU-Bürger findet, der die Arbeit verrichten könnte. Außerdem kann die Bearbeitung des Antrags mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

Nichtsdestotrotz sollte sich kein potentieller Arbeitgeber davon abschrecken lassen und es bei Bedarf zumindest versuchen, denn aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Asylbewerber fleißige, freundliche und zuverlässige Arbeitskräfte wären, die ich persönlich ja auch beurteilen kann, da ich sie aus unserem Verein kenne. Es wäre also schön, wenn sie eine Chance bekämen. Momentan finden sich unter unseren Mitgliedern folgende Berufszweige:

Ein Koch aus dem Irak, Muttersprache arabisch, spricht gut deutsch

Ein Steinmetz aus dem Irak, Muttersprache arabisch, spricht mittelmäßig deutsch

Ein Schuhmacher aus Syrien, Muttersprache arabisch, spricht schlecht deutsch, geht jetzt aber regelmäßig zur Sprachschule

Ein Mathematiker aus Nigeria (mit einem deutschen Bachelor in Mathematik), spricht fließend deutsch und englisch

Ein Nigerianer, der in einer Reifenwerkstatt gearbeitet hat, spricht fließend englisch, kaum deutsch

Zwei weitere Nigerianer, die fließend englisch aber kaum deutsch sprechen sowie ein Senegalese, der insgesamt zehn Sprachen spricht (darunter deutsch, englisch, spanisch, französisch und italienisch) und die für jegliche Arbeit offen sind.

Bei Interesse würden wir gerne den Kontakt herstellen. Wie gesagt, es wäre nicht ganz ein Griff ins Unbekannte, da wir die Jungs persönlich kennen und einschätzen können. Trauen Sie sich also und melden Sie sich bei uns – oder verbreiten Sie die Nachricht! Leben ist eben mehr als nur Nahrung und ein Bett zu haben. Auch Arbeit und die Teilhabe an der Gesellschaft gehören dazu. Geben Sie den Asylbewerbern die Chance auf ein vollwertiges Leben und unterstützen Sie damit unser Projekt!

Ganz wichtig: Es wäre toll, wenn sich Rechtsanwälte fänden, die die Asylbewerber beim Antragsprozess unterstützen könnten, ohne dabei das volle Honorar zu verlangen.

Sie werden ein Teil von uns, wenn sie doch nur dürfen…

Der FSV Dornberg verfolgt nicht nur ähnliche Ziele wie wir, sondern ist bei der erfolgreichen Integration von Asylbewerbern schon ein gutes Stück weiter. Zwei seiner Mitglieder sind nämlich auch außerhalb des Fußballplatzes zum Teil der Gemeinschaft geworden und veranschaulichen dabei zwei von den vielen Punkten im Bezug darauf, was beim Umgang mit Flüchtlingen bei uns falsch läuft: Zum einen könnten sie ein wertvoller und belebender Teil einer Gruppe werden, wenn man ihnen die Chance dazu gibt. Zum anderen steckt in ihnen oft jede Menge Potential, das einfach verloren geht, wenn wir sie „wegsperren“ und ihre Entfaltung unterbinden. So wurde Menulu aus Nigeria ein gern gesehener Gast im Kirchenchor in Hardheim, während der Kameruner John durch seine Fähigkeiten als Künstler besticht.

Irgendwann werden hoffentlich noch mehr Menschen merken, dass Ausländer und Asylbewerber im Speziellen keine Bürde für uns sein müssen, sondern eine Bereicherung der Gesellschaft darstellen könnten – wenn, ja, wenn man ihnen die Chance dazu gibt.

John Shu Neba

Der Kameruner John Shu Neba bei einer seiner Ausstellungen.                             Bildquelle: Lokalmatador.de