Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

Ein Mensch wird Augenzeuge eines Mordes, gerät plötzlich selber in die Schusslinie und flieht vor den Tätern. Fänden sie ihn, müsste er mit Folter oder dem Tod rechnen. Er sieht keinen anderen Ausweg und verlässt die ohnehin als unsicher geltende Gegend und begibt sich ins Ausland, um seinen Häschern zu entkommen.

Ein Familienvater lebt in einer Stadt, die durch einen Jahre währenden Bürgerkrieg zerstört ist und in der ihm und seiner Familie jeden Tag Lebensgefahr droht. In der Hoffnung, einen sichereren Ort für sich, seine Frau und seine beiden Kinder zu finden, verlässt er sein Land. Nun lebt er von seiner Familie getrennt und plagt sich täglich mit Gedanken um ihre Sicherheit.

Ein Mann gehört zu einer unterdrückten religiösen Minderheit und muss vor den Terroristen, die seine Heimat zerstören und Tausende seiner Landsleute töten, fliehen. Seit er den Boden des Landes, in dem er sich momentan aufhält, betreten hat, weiß er nicht, wo seine Familie und seine Frau, die ebenfalls flüchten mussten, sind und ob sie überhaupt noch leben.

Drei Menschen, drei Schicksale, drei Existenzen zwischen Hoffen und Angst. Man könnte meinen, diese Anekdoten entspringen einem Buch oder einem Film oder sonst irgendeiner Fiktion, doch tatsächlich spielen sich diese Dramen hundertfach genau in unserer Mitte ab – und werden dennoch ignoriert. Nicht etwa ausgedacht habe ich mir diese Geschichten, sondern selbst gehört – an einem Tag – von drei verschiedenen Flüchtlingen, die in der Hoffnung um Asyl nach Deutschland, in diesem Fall nach Würzburg, gekommen sind. Sie wollen arbeiten, wollen legal und ehrlich Teil dieser Gesellschaft werden um das zu tun, was jeder von uns in ihrer Situation tun würde: Ihrer leidenden Familie helfen oder sich selbst retten.

Das Dilemma eines Asylbewerbers

Gemessen an dem Leid, dass ihren Weg pflastert, haben Asylbewerber in Deutschland oft einen erschreckend schlechten Ruf, der sich nur durch Ignoranz oder gar Boshaftigkeit unsererseits erklären lässt. Wenn man einen Menschen gesehen hat, der mir Tränen in den Augen von seinen beiden kleinen Kindern und seiner Frau erzählt, die noch immer weit, weit vom sicheren Deutschland entfernt in Gefahr schweben, dann fällt es schwer, ihn wie eine Zahl in einer Statistik zu behandeln. Genau das tun wir mit unserer Wohlstandsdekadenz aber: Wir befassen uns mit Zahlen und Wirtschaftlichkeit – und nicht mit den menschlichen Schicksalen, die dahinter stecken. Dieser Ansatz freilich hat einen großen Vorteil: Zahlen leiden nicht und machen mir so kein schlechtes Gewissen. Würden die Menschen wissen, was hinter den Schicksalen vieler Flüchtlinge steckt, es fiele ihnen schwerer, von Abschiebung zu reden, insofern sie denn ein Herz hätten. Was liegt da also näher als diesen Kontakt so gut als möglich zu vermeiden und die Flüchtlinge abgeschottet von der Allgemeinheit, wo sie sich garantiert nicht sinnvoll einbringen können, unterzubringen?

Doch nicht nur die Gedanken an die unsichere Heimat sind ein Graus, sondern vor allem die psychologische Belastung nicht zu wissen, wie es weitergeht, wenn der Antrag um Asyl monate- oder gar jahrelang nicht bearbeitet wird und wenn die Abschiebung andererseits innerhalb weniger Tage beschlossen und durchgeführt werde könnte und daher einen ständigen Schrecken darstellt. Keiner von uns Deutschen, der nicht weiß, was Krieg, Vertreibung, Diskriminierung und Hunger wirklich bedeutet, sollte sich anmaßen, über Flüchtlinge und ihre Beweggründe zu urteilen – und doch tun wir genau das. Haben die Skeptiker aber Recht, wenn sie davon reden, dass die Asylbewerber zu teuer und zu viele werden?

Die Fakten

Gegen die Asylbewerber werden immer wieder zwei Thesen in den Raum geworfen. Sie kosteten uns einerseits zu viel Geld und gefährdeten andererseits durch ihre große Anzahl die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Durch das Asylbewerberleistungsgesetz fielen 2013 Kosten in Höhe von etwa 1,5 Milliarden Euro an. Was auf den ersten Blick als viel erscheint, erweist sich auf den zweiten als verschwindend gering, belaufen sich allein die geschätzten Verluste für die Bundesrepublik Deutschland durch Steuerhinterziehung auf deutlich höhere Werte. Doch auch ohne Vergleiche wird beim Blick auf die Ausgaben der BRD im Haushaltsjahr 2014 von knapp 300 Milliarden Euro klar, dass die Ausgaben für Asylbewerber einen Anteil von gerade einmal 0,5 Prozent ausmachen. Das Paradoxe daran ist zudem, dass viele von ihnen arbeiten und Steuern zahlen würden, die öffentlichen Kassen entlasten und dem Fachkräftemangel entgegenwirken könnten – wenn sie denn dürften.

Betrachtet man die Anzahl von geschätzten 200.000 Flüchtlingen im Jahr 2014, dann ist auch diese Zahl recht klein, wenn man sie ins Verhältnis setzt. Bei einer gesamtdeutschen Einwohnerzahl von 82.000.000 kommen auf 1.000 Einwohner gerade einmal 2,5 Asylbewerber, also 0,25 %. Bei gleichmäßiger Verteilung würde das für eine Stadt wie Würzburg (etwa 120.000 Einwohner) bedeuten, dass gerade einmal 300 Asylbewerber untergebracht werden müssten. Vor allem sollte man nicht vergessen, dass die Zahl an Asylbewerbern in den 1990er Jahren bereits deutlich höher war – und Deutschland daran trotzdem nicht zu Grunde gegangen ist.

Asyl

Quelle: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61634/asyl

 Doch wie sieht es mit der Forderung aus, andere Länder sollten mehr Flüchtlinge aufnehmen, damit Deutschland nicht die alleinige Last trägt? Es stimmt, dass Deutschland in Europa die meisten Flüchtlinge aufnimmt, aber gerne wird dabei vergessen, dass es ja auch das größte Land ist. Um die Leistung zweier Länder miteinander zu vergleichen, reicht es ja auch nicht aus, die Bruttoinlandsprodukte der Schweiz und der USA einfach gegenüber zu stellen. Der einzig objektive Maßstab ist daher der prozentuale Anteil an der Bevölkerung. Würde Deutschland daran gemessen so viele Flüchtlinge aufnehmen wie etwa Schweden, müsste es seine Zahlen verdreifachen. Sehr viel extremere Fälle finden sich im Nahen Osten, beispielsweise im Bezug auf syrische Flüchtlinge. Die Einwohnerzahl der Türkei ist vergleichbar mit der Deutschlands, aber in der Türkei befinden sich 1.000.000 Flüchtlinge allein aus Syrien. Noch mehr syrische Flüchtlinge halten sich im Libanon auf, welcher selbst aber nur eine Einwohnerzahl von gut vier Millionen hat, was hier veranschaulicht wird. D.h., dass der Anteil an Flüchtlingen im Libanon bei 20 bis 25 Prozent liegt. Angewandt auf Deutschland müssten wir also über 20.000.000 Flüchtlinge aufnehmen, um es dem Libanon gleichzutun. Dabei ist der Libanon mit Sicherheit nicht wohlhabender als Deutschland.

Mehr als nur Zahlen

Doch da sind sie wieder, die kalten, leblosen Zahlen, die uns nichts verraten über die persönlichen Schicksale, über Menschen wie du und ich, die gelitten haben und ihre Heimat verlassen mussten. Nicht etwa Abenteuerlust brachte sie nach Deutschland, sondern Verzweiflung und Hoffnung. Wir haben nun die Wahl: Entweder wissen wir es demütig zu schätzen, dass wir ganz einfach Glück gehabt haben, in eine Welt voller Wohlstand und Frieden hineingeboren worden zu sein und geben ein wenig davon zurück, indem wir anderen helfen, die weniger Glück hatten. Oder wir suhlen uns in unserer Ignoranz und Wohlstandsdekadenz und schließen unsere Augen vor dem Leid, dass uns umgibt – und gegen das wir alle etwas tun könnten. Wir alle haben die Möglichkeiten, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, auch wenn wir ihnen nur ermöglichen – so wie bei „Sport ohne Grenzen“ –, durch die Teilnahme an unserem Sportprogramm etwas Freude und Normalität in ihrem Alltag zu haben. Hilfe braucht Zeit, eigenen Antrieb und Geduld, doch man bekommt viel dafür zurück, nämlich ehrlichen Dank und das, was viele Menschen in ihrem Leben vermissen: Sinn. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir anderen Menschen helfen und die Welt besser machen können. Es stellt sich nur die Frage, warum wir es nicht tun. Gerade wir Deutschen haben erfahren, was es bedeutet, nach Kriegen in Notsituationen internationale Unterstützung zu erfahren. Auch wir könnten irgendwann unverschuldet in Not geraten. Würden wir uns dann mit dem zufrieden geben, wenn wir genau das bekämen, was wir momentan für andere zu leisten bereit sind?

 

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