Auszeichnung für die Freien Turner Würzburg

Natürlich ist es immer schön, wenn die eigenen Bemühungen gewürdigt werden. So geschehen am vergangenen Samstag in München, als die Freien Turner Würzburg mit einem von sechs Sonderpreisen für die Integration von Flüchtlingen vom Bayerischen Fußballverband (BFV) ausgezeichnet wurden (hier der Bericht bei der Main-Post). Als Vertreter der FTW waren Georg Höfling (auf dem Bild zweiter von links in der vorderen Reihe), Vorstand Finanzen, und Stephan Rinke (dritter von links in der vorderen Reihe), Initiator des Projekts „Sport ohne Grenzen“, vor Ort. Betont werden muss an dieser Stelle aber, dass bei den Fußballer bisher zwar die meisten Asylbewerber als neue Mitglieder gewonnen werden konnten, alle anderen Abteilungen aber genauso am Projekt beteiligt sind.

Diese Auszeichnung gilt natürlich für alle Beteiligten, also Mitglieder, Trainer, Abteilungsleiter und Vorstände. Viele Dank für euer Mitwirken! Wir mögen nicht die ganze Welt verändern können, aber für ein paar Personen machen wir die unsrige ein gutes Stück menschlicher.

BFV-Sonderpreisträger

Quelle: BFV

Stirb nicht

An dieser Stelle ein Hinweis auf eine Reportage auf Spiegel online, die sich mit den Gräueln der Flucht befasst. Viele Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer, meist ohne das wir davon Notiz nehmen. Noch weniger erregen die Fälle unsere Aufmerksamkeit, die es nicht einmal bis zum Mittelmeer schaffen…

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/113-fluechtlinge-stranden-in-der-sahara-multimedia-reportage-a-997702.html

„Sport ohne Grenzen“ – ein Gewinn für unsere Stadt

Gastbeitrag:

Muchtar Al Ghusain ist Referent der Stadt Würzburg für Kultur, Schule und Sport. Als ideeller Unterstützer steht er hinter dem Integrationsprojekt „Sport ohne Grenzen“.

Muchtar Al Ghusain

Wir stehen vor einer großen Herausforderung – als Gesellschaft, als Politiker, als Kommune, als Mitmenschen. Das Thema Asylbewerber bewegt uns aktuell so sehr wie kaum ein weiteres. Immer mehr Menschen kommen zu uns, weil sie aus ihrer Heimat fliehen müssen. Hierfür gibt es zahlreiche Gründe, die in unserer Augen oft als mehr oder weniger „schlimm“ bewertet werden. Abgesehen von der Frage, ob wir uns diese Bewertung überhaupt anmaßen dürfen und sollten, haben alle Ursachen mit Sicherheit eines gemeinsam: niemand verlässt freiwillig seine Heimat, seine Familie, seine Freunde und macht sich unter meist katastrophalen Bedingungen auf die lange Reise nach Europa, wenn die Lebensumstände ihn nicht dazu zwingen würden. Oder was müsste Ihnen widerfahren, damit Sie Ihre gewohnte Umgebung gegen eine unsichere Zukunft eintauschen? An dieser Stelle sollte sogar noch einen Schritt weitergegangen werden: Selbst wenn die Lebensbedingungen in den Heimatländern der Flüchtlinge nicht von Todes- und Folterangst geprägt sind, sollten Menschen doch dennoch auch ohne tragische Biographie zu uns kommen dürfen. Einfach, weil sie es möchten, oder etwa nicht?

Als Bürger eines Landes, von dem einst entsetzliches Leid ausging, sollten wir uns heute zu besonderer Mitmenschlichkeit, Solidarität und Gastfreundschaft verpflichtet fühlen. Grundsätzlich, aber auch im Besonderen gegenüber Flüchtlingen, die – warum auch immer – zu uns kommen. Es ist an uns, sie mit Freundlichkeit zu empfangen.

Damit dies gelingen kann, ist eine Vielzahl an Hilfestellungen nötig. Das große Rad der Asylpolitik werden wir wohl nicht so schnell drehen können, wie es eigentlich unabdingbar wäre. Umso wichtiger ist es in der Zwischenzeit, dass sich Menschen ehrenamtlich engagieren, sich mit den Flüchtlingen solidarisieren und dabei helfen, die teils unmenschlichen Zustände in Sammellagern durch Menschlichkeit ein klein wenig erträglicher zu gestalten. Auch wenn dies eigentlich Aufgabe der Politik ist und Ehrenamtliche dafür nicht ausgebeutet werden dürfen, so hilft das Engagement den Asylbewerbern im Ergebnis dennoch. Und das ist es, was zählt.

Ein Puzzelteil ist dabei das Projekt „Sport ohne Grenzen“, welches die Schaffung eines Sportangebotes für Bewohner der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft im Fokus hat. Es wird die Möglichkeit eröffnet, an dem Angebot des Sportvereins „Freie Turnerschaft Würzburg 1899 e.V.“ teilzunehmen, ohne dass dabei Kosten für die Beteiligten entstehen. Die Idee des Projektes ist auf vielfältige Art und Weise charmant: Zum einen ist es organisatorisch verhältnismäßig leicht zu handhaben, da es sich an bestehenden Strukturen des Vereins orientiert und diese nutzt. Zum anderen sind die anfallenden Kosten überschaubar, die lediglich durch Transport von und zu den Sportstätten, die Mitgliedsbeiträge und in Einzelfällen durch die Anschaffung von Sportequipment entstehen. Das macht das Projekt leicht realisierbar. Natürlich musste auch hier die eine oder andere Hürde genommen werden, was aber gelingen konnte.

Durch die Teilnahme der Asylbewerber an Trainings und Wettkämpfen passiert Integration auf ganz praktische und niederschwellige Art und Weise, die weit über den Sport hinausgeht. So werden Freundschaften geknüpft, man lernt gegenseitig die verschiedenen Kulturen kennen, bereichert sich dadurch und tut ganz „nebenbei“ noch etwas für seine Gesunderhaltung durch die körperliche Betätigung.

Besonders freut mich für unsere Stadt, dass sich mit der Entstehung des Projektes nun auch der Sport auf den Weg macht, gesellschaftlich aktuelle Herausforderungen im Rahmen seiner Möglichkeiten anzugehen. Ist er es doch gerade, der Begegnungen zwischen Menschen schafft, eine internationale Sprache spricht und daher für Integration so vielfältige Möglichkeiten bietet. Ich wünschte mir, „Sport ohne Grenzen“ würde als Leuchtturmprojekt unserer Region verstanden und steckt weitere Vereine mit Tatendrang an. Dem Projekt und seinen Machern wünsche ich alles erdenklich Gute und werde es weiterhin gerne unterstützen.

2:0 für die Integration

Natürlich sollte man beim Sport nicht nur auf die Ergebnisse achten, aber da beim Fußball die härteste Währung nach wie vor Tore sind (und da unsere zweite Mannschaft davon besonders wenig schießt), ist es um so schöner, dass sich zwei unserer neuen Mitglieder als Torschützen für uns verewigen konnten.

Honest bestritt am vergangenen Wochenende sein erstes Spiel für uns und krönte seinen Einstand mit einem Treffer (sein offiziell angegebener Name ist ein anderer, da die Nigerianer ziemlich viele Namen zu haben scheinen). Ahmad ist schon seit mehreren Wochen Teil der Mannschaft und war der erste Asylbewerber, der für uns ein Tor erzielt hat. Nicht vergessen sollte man dabei natürlich Chris, der der erste Asylbewerber beim Fußball mit einer Spielgenehmigung war. Noch eher war, wenn ich mich recht erinnere, Madiama dran, der beim American Football unser erstes neues Mitglied war, dass am regulären Wettkampfbetrieb teilnahm.

Vielen Dank für die schöne Zusammenarbeit! Ihr seid eine willkommene Ergänzung im Verein, die den Horizont von uns allen erweitern wird. So kann es weitergehen!

Ahmads erster Treffer: FT Würzburg – TSV 1877 Gerbrunn Spielverlauf_ B-Klasse – Kreis Würzburg – Herren – 2014_2015

Honests erster Treffer: FT Würzburg – SV 1959 Oberdürrbach Spielverlauf_ B-Klasse – Kreis Würzburg – Herren – 2014_2015

Der Freizeitsportverein Dornberg 2010 e.V.

Gastbeitrag:

Ein sehr schönes Sportprojekt aus dem benachbarten Baden-Württemberg, vorgestellt von FSV-Vereinsmitglied Frederik Böna.

 

Wir, der Freizeitsportverein (FSV) Dornberg 2010 e.V., haben seit unserer Gründung im März 2010 das Ziel, den Asylbewerbern im Asylbewerberwohnheim in Hardheim im Neckar-Odenwald-Kreis eine Möglichkeit zu bieten, sich in einem Sportverein engagieren zu können und nicht nur aktiv Sport treiben zu können, sondern vor allem auch über den Fußball Kontakte zu den einheimischen Vereinsmitgliedern zu knüpfen. Dazu dient vor allem das Fußballtraining, das ein- bis zweimal wöchentlich stattfindet.

Im Asylbewerberheim in Hardheim sind seit einigen Jahren zahlreiche Asylbewerber aus den unterschiedlichsten Ländern und mit den unterschiedlichsten Kulturen und Religionen untergebracht. Sehr viele dieser Asylbewerber sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und befinden sich völlig alleine in dem für sie so fremden Deutschland. Während es den Kindern im Asylbewerberheim durch die Schule möglich ist, Kontakte zu knüpfen und dadurch Fuß im gesellschaftlichen Leben in Hardheim zu fassen, ist dies für die Asylbewerber nur sehr schwer möglich, insbesondere auch, weil es im relativ kleinen Hardheim nur wenige Möglichkeiten für junge Menschen zur sinnvollen Freizeitgestaltung gibt und es nahezu jährlich weniger Möglichkeiten werden, da auch in Hardheim der demographische Wandel mittlerweile deutlich zu spüren ist. Während in den meisten Vereinen Asylbewerber leider nicht besonders gerne gesehen werden, richtet sich unser Verein über den Fußball explizit an die Asylbewerber in Hardheim. Das Ziel ist es, die vielen Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Kulturen im Verein zu integrieren und möglichst auch Freundschaften zu den übrigen Vereinsmitgliedern entstehen zu lassen, was erfreulicherweise auch hervorragend funktioniert. Die Asylbewerber sollen in unserem Verein nicht nur Fußball spielen können, sondern auch die Möglichkeit besitzen, sich in einem eingetragenen Verein engagieren und auch etwas bewegen zu können.

Die Mitglieder und Spieler des Vereins unternehmen mittlerweile auch außerhalb des Fußballs viele Dinge gemeinsam in ihrer Freizeit, was insbesondere für die Asylbewerber von unschätzbarem Wert ist. Abende, an denen bei einem gemeinsamen Abendessen ein Fußballspiel im Fernsehen angeschaut wird, sind mittlerweile bereits ebenso Tradition, wie Abende, an denen gemeinsame Spiele – häufig auch Spiele aus den Ländern der Asylbewerber – gespielt werden.

Die Asylbewerber, die Mitglied in unserem Verein sind, kommen derzeit aus Afghanistan, Gambia, Eritrea, Nigeria, Kamerun, Somalia, Mazedonien, aus dem Iran, aus dem Irak, aus dem Kosovo, aus dem Libanon und aus Syrien. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien wuchs vor allem die Zahl der Syrer, die sich unserem Verein anschlossen, stark an. Derzeit sprechen alle Anzeichen dafür, dass die Zahl der Asylbewerber in Hardheim durch die zunehmenden Konflikte insbesondere in der arabischen Welt weiter steigen wird, was vermutlich auch die Zahl der Asylbewerber in unserem Verein erhöhen wird. So traurig es letztendlich auch ist, dass immer mehr Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, wir freuen uns über jeden weiteren Asylbewerber und betrachten ihn als zusätzliche Bereicherung für unseren Verein, ganz gleich aus welchem Land er auch stammt oder welcher Religionsgruppe er angehört.

Aufgrund der zahlreichen Asylbewerber im Verein wurden zu Beginn des vergangenen Jahres zwei Asylbewerber, einer aus Syrien, der andere aus Nigeria, in den erweiterten Vorstand mit aufgenommen, damit auch bei Vorstandssitzungen die Asylbewerber durch zwei Personen vertreten sind.

Sehr wichtig ist uns auch, dass wir einheimischen Vereinsmitglieder den Asylbewerbern unseres Vereins immer wieder im Alltag helfen und sie beispielsweise bei Behördengängen begleiten. Wenn ein Asylbewerber schließlich aus dem Asylbewerberheim in Hardheim ausziehen und sich eine eigene Wohnung suchen darf, helfen wir ebenfalls bei der Wohnungssuche und oft auch beim Umzug.

Seit der Saison 2011/2012 nimmt der FSV Dornberg außerdem erfolgreich am Spielbetrieb in der Kreisliga C (Reserverunde) im Fußballkreis Buchen teil und schloss gleich die erste Saison auf dem ersten Platz in der Fairnesstabelle ab, worauf alle sehr stolz waren und auch jetzt noch sind. Zudem nimmt der Verein an Turnieren in der Region teil und ist auch immer wieder ein gern gesehener Gast für ein Freundschafts- bzw. Einlagespiel. Insbesondere der TSV Merchingen lädt uns mittlerweile schon seit Jahren nicht nur zu seinem jährlichen Sportfest ein, sondern immer wieder auch zu Vorbereitungsspielen und nach jedem dieser Spiele finden im Anschluss teilweise noch lange Gespräche der Merchinger Spieler, Betreuer und auch Zuschauer mit unseren ausländischen Spielern statt, sodass wir uns in Merchingen wirklich wohl fühlen und immer wieder gerne die Reise dorthin antreten.

Möglich ist all dies nur, da wirklich jedes unserer einheimischen Mitglieder voll und ganz hinter unserer Vereinsphilosophie steht. Da wir leider keinen eigenen Sportplatz haben – wir trainieren auf dem Sportplatz bzw. in der Sporthalle der Hardheimer Carl-Schurz-Kaserne, dürfen dort allerdings keine Heimspiele austragen – haben wir ausschließlich Auswärtsspiele und müssen folglich zu jedem Spiel fahren. Ein Großteil der Vereinsmitglieder kommt aus den umliegenden Ortschaften Hardheims und ist somit ohnehin immer gezwungen, mit dem Auto zu fahren. Der Umstand, dass wir so viele Asylbewerber haben, die natürlich alle kein Fahrzeug besitzen, stellt uns vor jedem Spiel vor eine große Herausforderung. Vor einigen Spielen müssen sich daher immer wieder einige Vereinsmitglieder dazu bereit erklärten, die Strecke zu einem Spielort zweimal zu fahren, um die für das Spiel nominierten Asylbewerber zum Spielort zu bringen. Auf die öffentlichen Verkehrsmittel kann leider nicht zurückgegriffen werden, da das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln in unserer ländlichen Region sehr zu wünschen übrig lässt, insbesondere am Wochenende. Beschwert darüber hat sich bis jetzt noch kein einziges einheimisches Mitglied, was mehr als deutlich zeigt, wie sehr jedes einzelne Mitglied hinter unserem Projekt steht und dieses unterstützt.

 

Mannschaftsfoto für Stephan

Die Mannschaft des FSV Dornberg, ein Musterbeispiel für Integration und menschliches Miteinander.

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit

Ein Mensch wird Augenzeuge eines Mordes, gerät plötzlich selber in die Schusslinie und flieht vor den Tätern. Fänden sie ihn, müsste er mit Folter oder dem Tod rechnen. Er sieht keinen anderen Ausweg und verlässt die ohnehin als unsicher geltende Gegend und begibt sich ins Ausland, um seinen Häschern zu entkommen.

Ein Familienvater lebt in einer Stadt, die durch einen Jahre währenden Bürgerkrieg zerstört ist und in der ihm und seiner Familie jeden Tag Lebensgefahr droht. In der Hoffnung, einen sichereren Ort für sich, seine Frau und seine beiden Kinder zu finden, verlässt er sein Land. Nun lebt er von seiner Familie getrennt und plagt sich täglich mit Gedanken um ihre Sicherheit.

Ein Mann gehört zu einer unterdrückten religiösen Minderheit und muss vor den Terroristen, die seine Heimat zerstören und Tausende seiner Landsleute töten, fliehen. Seit er den Boden des Landes, in dem er sich momentan aufhält, betreten hat, weiß er nicht, wo seine Familie und seine Frau, die ebenfalls flüchten mussten, sind und ob sie überhaupt noch leben.

Drei Menschen, drei Schicksale, drei Existenzen zwischen Hoffen und Angst. Man könnte meinen, diese Anekdoten entspringen einem Buch oder einem Film oder sonst irgendeiner Fiktion, doch tatsächlich spielen sich diese Dramen hundertfach genau in unserer Mitte ab – und werden dennoch ignoriert. Nicht etwa ausgedacht habe ich mir diese Geschichten, sondern selbst gehört – an einem Tag – von drei verschiedenen Flüchtlingen, die in der Hoffnung um Asyl nach Deutschland, in diesem Fall nach Würzburg, gekommen sind. Sie wollen arbeiten, wollen legal und ehrlich Teil dieser Gesellschaft werden um das zu tun, was jeder von uns in ihrer Situation tun würde: Ihrer leidenden Familie helfen oder sich selbst retten.

Das Dilemma eines Asylbewerbers

Gemessen an dem Leid, dass ihren Weg pflastert, haben Asylbewerber in Deutschland oft einen erschreckend schlechten Ruf, der sich nur durch Ignoranz oder gar Boshaftigkeit unsererseits erklären lässt. Wenn man einen Menschen gesehen hat, der mir Tränen in den Augen von seinen beiden kleinen Kindern und seiner Frau erzählt, die noch immer weit, weit vom sicheren Deutschland entfernt in Gefahr schweben, dann fällt es schwer, ihn wie eine Zahl in einer Statistik zu behandeln. Genau das tun wir mit unserer Wohlstandsdekadenz aber: Wir befassen uns mit Zahlen und Wirtschaftlichkeit – und nicht mit den menschlichen Schicksalen, die dahinter stecken. Dieser Ansatz freilich hat einen großen Vorteil: Zahlen leiden nicht und machen mir so kein schlechtes Gewissen. Würden die Menschen wissen, was hinter den Schicksalen vieler Flüchtlinge steckt, es fiele ihnen schwerer, von Abschiebung zu reden, insofern sie denn ein Herz hätten. Was liegt da also näher als diesen Kontakt so gut als möglich zu vermeiden und die Flüchtlinge abgeschottet von der Allgemeinheit, wo sie sich garantiert nicht sinnvoll einbringen können, unterzubringen?

Doch nicht nur die Gedanken an die unsichere Heimat sind ein Graus, sondern vor allem die psychologische Belastung nicht zu wissen, wie es weitergeht, wenn der Antrag um Asyl monate- oder gar jahrelang nicht bearbeitet wird und wenn die Abschiebung andererseits innerhalb weniger Tage beschlossen und durchgeführt werde könnte und daher einen ständigen Schrecken darstellt. Keiner von uns Deutschen, der nicht weiß, was Krieg, Vertreibung, Diskriminierung und Hunger wirklich bedeutet, sollte sich anmaßen, über Flüchtlinge und ihre Beweggründe zu urteilen – und doch tun wir genau das. Haben die Skeptiker aber Recht, wenn sie davon reden, dass die Asylbewerber zu teuer und zu viele werden?

Die Fakten

Gegen die Asylbewerber werden immer wieder zwei Thesen in den Raum geworfen. Sie kosteten uns einerseits zu viel Geld und gefährdeten andererseits durch ihre große Anzahl die Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft.

Durch das Asylbewerberleistungsgesetz fielen 2013 Kosten in Höhe von etwa 1,5 Milliarden Euro an. Was auf den ersten Blick als viel erscheint, erweist sich auf den zweiten als verschwindend gering, belaufen sich allein die geschätzten Verluste für die Bundesrepublik Deutschland durch Steuerhinterziehung auf deutlich höhere Werte. Doch auch ohne Vergleiche wird beim Blick auf die Ausgaben der BRD im Haushaltsjahr 2014 von knapp 300 Milliarden Euro klar, dass die Ausgaben für Asylbewerber einen Anteil von gerade einmal 0,5 Prozent ausmachen. Das Paradoxe daran ist zudem, dass viele von ihnen arbeiten und Steuern zahlen würden, die öffentlichen Kassen entlasten und dem Fachkräftemangel entgegenwirken könnten – wenn sie denn dürften.

Betrachtet man die Anzahl von geschätzten 200.000 Flüchtlingen im Jahr 2014, dann ist auch diese Zahl recht klein, wenn man sie ins Verhältnis setzt. Bei einer gesamtdeutschen Einwohnerzahl von 82.000.000 kommen auf 1.000 Einwohner gerade einmal 2,5 Asylbewerber, also 0,25 %. Bei gleichmäßiger Verteilung würde das für eine Stadt wie Würzburg (etwa 120.000 Einwohner) bedeuten, dass gerade einmal 300 Asylbewerber untergebracht werden müssten. Vor allem sollte man nicht vergessen, dass die Zahl an Asylbewerbern in den 1990er Jahren bereits deutlich höher war – und Deutschland daran trotzdem nicht zu Grunde gegangen ist.

Asyl

Quelle: http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61634/asyl

 Doch wie sieht es mit der Forderung aus, andere Länder sollten mehr Flüchtlinge aufnehmen, damit Deutschland nicht die alleinige Last trägt? Es stimmt, dass Deutschland in Europa die meisten Flüchtlinge aufnimmt, aber gerne wird dabei vergessen, dass es ja auch das größte Land ist. Um die Leistung zweier Länder miteinander zu vergleichen, reicht es ja auch nicht aus, die Bruttoinlandsprodukte der Schweiz und der USA einfach gegenüber zu stellen. Der einzig objektive Maßstab ist daher der prozentuale Anteil an der Bevölkerung. Würde Deutschland daran gemessen so viele Flüchtlinge aufnehmen wie etwa Schweden, müsste es seine Zahlen verdreifachen. Sehr viel extremere Fälle finden sich im Nahen Osten, beispielsweise im Bezug auf syrische Flüchtlinge. Die Einwohnerzahl der Türkei ist vergleichbar mit der Deutschlands, aber in der Türkei befinden sich 1.000.000 Flüchtlinge allein aus Syrien. Noch mehr syrische Flüchtlinge halten sich im Libanon auf, welcher selbst aber nur eine Einwohnerzahl von gut vier Millionen hat, was hier veranschaulicht wird. D.h., dass der Anteil an Flüchtlingen im Libanon bei 20 bis 25 Prozent liegt. Angewandt auf Deutschland müssten wir also über 20.000.000 Flüchtlinge aufnehmen, um es dem Libanon gleichzutun. Dabei ist der Libanon mit Sicherheit nicht wohlhabender als Deutschland.

Mehr als nur Zahlen

Doch da sind sie wieder, die kalten, leblosen Zahlen, die uns nichts verraten über die persönlichen Schicksale, über Menschen wie du und ich, die gelitten haben und ihre Heimat verlassen mussten. Nicht etwa Abenteuerlust brachte sie nach Deutschland, sondern Verzweiflung und Hoffnung. Wir haben nun die Wahl: Entweder wissen wir es demütig zu schätzen, dass wir ganz einfach Glück gehabt haben, in eine Welt voller Wohlstand und Frieden hineingeboren worden zu sein und geben ein wenig davon zurück, indem wir anderen helfen, die weniger Glück hatten. Oder wir suhlen uns in unserer Ignoranz und Wohlstandsdekadenz und schließen unsere Augen vor dem Leid, dass uns umgibt – und gegen das wir alle etwas tun könnten. Wir alle haben die Möglichkeiten, Menschen zu helfen, denen es schlecht geht, auch wenn wir ihnen nur ermöglichen – so wie bei „Sport ohne Grenzen“ –, durch die Teilnahme an unserem Sportprogramm etwas Freude und Normalität in ihrem Alltag zu haben. Hilfe braucht Zeit, eigenen Antrieb und Geduld, doch man bekommt viel dafür zurück, nämlich ehrlichen Dank und das, was viele Menschen in ihrem Leben vermissen: Sinn. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir anderen Menschen helfen und die Welt besser machen können. Es stellt sich nur die Frage, warum wir es nicht tun. Gerade wir Deutschen haben erfahren, was es bedeutet, nach Kriegen in Notsituationen internationale Unterstützung zu erfahren. Auch wir könnten irgendwann unverschuldet in Not geraten. Würden wir uns dann mit dem zufrieden geben, wenn wir genau das bekämen, was wir momentan für andere zu leisten bereit sind?